Am Nachmittag tausche ich den mir bei meinem Eintreffen von der Rezeption überreichten Gutschein im Klinik-Cafe gegen ein Stück Sachertorte und eine Tasse Kaffee ein. Die Bedienung zündet nach dem Servieren die in kleinen Tannenzweigen auf dem Tisch dekorierte rote Kerze an. Später ein Blick auf die Uhr: Zeit genug, um vor dem Abendessen noch nach Dresden zu fahren, wenigstens einen kurzen Blick aus dem Autofenster auf die Innenstadt zu werfen.
Am Abend suche ich wieder die Ruhe, liege in meinem Zimmer auf dem Bett. Nahezu ausnahmslos, so auch jetzt, denke ich über meine berufliche Situation nach, spüre dabei tiefen Widerwillen, den Impuls, mich zu übergeben.
Mein Gefühl sagt mir deutlich, dass eine Kündigung meinen Gesundheitszustand schlagartig bessern würde. Aber welcher andere Arbeitgeber stellt mich in meinem buchstäblich heruntergewirtschafteten Zustand ein? Mir kommen erste Zweifel, ob der Klinikaufenthalt überhaupt ausreichen wird, um mich zu erholen. Also vorerst im Unternehmen bleiben, darauf bauen, dass mein Konzentrationsmangel und meine Arbeitsunlust toleriert werden? Jede Faser in mir sträubt sich bei diesem Gedanken. Was aber soll ich tun?
Den Gedanken an eine Trennung von Richard habe ich nach seinem fürsorglichen Verhalten während der letzten Wochen wieder aufgegeben. Ich muss trotzdem Geld in unseren Haushalt einbringen - oder kann ich vielleicht doch eine Berufspause einlegen, mich wirklich und in Ruhe erholen? Fragen über Fragen, die mir in endloser Kette durch den Kopf ziehen, meine Gedanken beschränken wie Mauern und mir Kopfschmerzen machen.
Während meiner Grübeleien klingelt das Telefon. Richard informiert mich sehr lebhaft, dass Post von der Literatur-Agentur für mich eingetroffen ist. "Darf ich den Umschlag aufmachen?"
"Natürlich! Du darfst jeden an mich adressierten Brief öffnen! Bitte lese vor!"
Auch meine sonst so beherrschte Gesprächspartnerin in der Agentur äußert sich jetzt sehr optimistisch, schreibt, dass sie das Manuskript sofort zur Lektorierung weitergegeben hat und ausgezeichnete Chancen sieht, dass das Werk besonderen Erfolg hat. Ich bin von diesen verheißungsvollen Nachrichten sofort wie elektrisiert, will mich aber beherrschen, mich nicht an Hoffnungen klammern, nicht möglicherweise unendlich enttäuscht werden, wenn mein Buch nicht den erhofften Erfolg hat.
Und doch verhilft mir der Hoffnungsschimmer zu einem vorübergehenden Stimmungswechsel. Der dumpfe Druck in meinem Kopf löst sich spürbar. Richard zeigt ebenfalls seine Begeisterung: "Du wirst bestimmt Lesestunden in ganz Deutschland haben! Ich werde Urlaubstage nehmen und dich zu deinen Terminen fahren!"
Ich schwelge in Zukunftsträumen, gebe mich ganz als erfolgreiche Autorin: „Vielleicht könnten wir uns sogar ein eigenes Schiff kaufen, und du wirst der Kapitän sein! Richard... Jetzt kann ich es zugeben: Du bist wirklich der bessere Schiffsführer! Wir haben ganz unterschiedliche Talente!"
Er lacht und fragt übermütig: "Darf ich in 10 Minuten den Wagen vorfahren und dein Gepäck bereits verstauen?"
Es tut gut, sich den Erfolg auszumalen. Ich lächle später im Dunkeln und auf dem Schlaf wartend in die Kissen, glücklich, zu spüren, das es außer meiner ständigen Bedrückung auch frohe, gelöste Momente gibt. Eine schwache Erinnerung an mein früheres unternehmungslustiges Selbst, die auch am nächsten Morgen noch in mir nachklingt.




