Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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15. Kapitel DIE KLINIK

   Der Verkehr auf der Autobahn ist flüssig, und ich genieße die Fahrt in meinem Sportwagen, den ich mir vor einigen Jahren als Ausgleich für meine nachlassende eigene Attraktivität und Kraft und trotz Richards Bedenken wegen hoher Reparaturkosten gebraucht gekauft hatte.

   Nach gut zwei Stunden Fahrt will ich mir die Beine vertreten, eine Tasse Kaffee trinken, und halte an einer Raststätte an. Während der ersten Schritte auf dem Parkplatz ist mir sehr schwindlig, und ich nehme mich aufs Äußerste zusammen, um nicht dem Bedürfnis nachzugeben, mich an eines der geparkten Fahrzeuge anzulehnen, um nicht ohnmächtig zu werden.

   Später vorbei an Dresden, immer noch strahlender Sonnenschein. Das Gelände geht jetzt in sanfte Hügel über. Dann der Blick auf ein Tal - jetzt und später wünsche ich mir bei diesem Anblick sehnlichst, malen und die Landschaft mit Farben festzuhalten zu können.

   Ich fahre hinunter in den Ort und achte bei der jetzt rapide einsetzenden Dämmerung sehr sorgfältig auf Hinweisschilder mit dem Namen der Klinik. Die Hauptstraße des Städtchens ist zum Teil mit Granitsteinen gepflastert, die beim Überfahren ein merkwürdiges Reifengeräusch erzeugen. Mein Wagen wird in so starke Vibrationen versetzt, dass er zu knarren und quietschen beginnt und mich Reparaturkosten befürchten lässt.

   Die Fassaden der Häuser sind intakt, größtenteils sehr dunkel und lange nicht renoviert. In den Fenstern ist vereinzelt Weihnachtsbeleuchtung zu sehen. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus steht ein riesiger geschmückter Tannenbaum. Die Schaufenster der Geschäfte sind klein, und die wenigen Lichtreklamen erinnern mich an die der früheren Jahre in meinem Heimatort.

   Dann ein erster Hinweis auf die Klinik mit Richtungspfeil. Beim freundlichen Anblick der Gebäude am Außenrand des Ortes empfinde ich sofort Erleichterung. Die Häuser der Klinik sind mit Mörtel verputzt, in heller Farbe angestrichen, und haben ziegelbelegte Spitzdächer, zahlreiche Erker und Türmchen.

Durch die deckenhohen Fenster der Treppenhäuser sind unzählige große, mit Lichterketten geschmückte Weihnachtsbäume zu sehen.

   Das Gelände ist erhellt von einer Vielzahl von schön geschwungenen und früheren Zeiten nachempfundenen Laternen. Das Aussengelände ist teilweise erst grob angelegt und mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Stein- und Erdhaufen, Baumaschinen.

   Auf der Suche nach der Rezeption gehe ich durch das Gelände. Einige Türen tragen noch schützende Folien und sind abgeschlossen. Durch die Panoramafenster eines Pavillons kann ich ein Schwimmbad sehen, Palmen, Blumen. Eine Schwimmerin.

   Zwei Männer in blauen Arbeitsoveralls kommen mir entgegen. Ich frage sie nach dem Haupteingang, habe noch nicht realisiert, jetzt in Sachsen zu sein, und bin erfreut und erheitert vom Klang des sanften Dialekts und des unüberhörbaren Humors, als einer der beiden auf seinen Nachbarn weist: "Der Hausmeester hier, der weeß olles, ooch wo de Rezeption is!". Der freundliche Hausmeister erklärt mir den Weg.

   Ich werde sehr freundlich empfangen. Eine der beiden hinter dem Tresen anwesenden Frauen weiß bereits Bescheid, ruft bei Nennung meines Namens lebhaft: "Aah, Sie sin Frau Gönich - Sie missen heute gommen!" Ich verbessere lächelnd: "Ich WILL heute kommen!"

   "Nu! Nu!" Sie lässt sich meinen Personalausweis zeigen und nimmt meine Einweisungs- und Befundpapiere entgegen.

   Der Hausmeister kommt herein, geht hinter den Tresen, um in sein Postfach zu sehen. Sie entschuldigt sich bei mir für einen Augenblick, weist mit der Hand auf ein in Weihnachtspapier eingeschlagenes Päckchen auf ihrem Schreibtisch, und sagt lachend zu ihm: "Wenn de mich ganz lieb driggst, griegste ooch en Paggeet!"

   Seine schlagfertige Antwort: "Keene Zeit - gibs Paggeet her!"

Sie bittet dann einen jungen Mann, der mittlerweile ebenfalls den Raum betreten hat, mir mein Zimmer zu zeigen, beim Gepäck zu helfen, und mich dann zur Stationsschwester zu bringen. Er begleitet mich durch einen großzügigen, indirekt beleuchteten Glasgang mit farbgesprenkeltem Kunststeinboden, einem antiken Holzspringbrunnen und einem riesigen, an der Decke befestigten Adventskranz hinüber zum Patiententrakt.

   Dann weist er durch eines der Fenster auf eine Außentreppe zum Gebäude ("Parkmöglichkeit für Ihren Wagen während des Ausladens") und einen Fahrstuhl hin, der sich in der Nähe befinden soll. Es hängt ein durchdringender Geruch von Teppichkleber in der Luft, den mir der junge Mann mit der Fertigstellung eines neuen Bauabschnittes erklärt. Auch hier überall gedämpfte Beleuchtung.

   Ich besichtige kurz mein Zimmer, bin freudig überrascht vom gemütlichen und geschmackvollen Eindruck, dem einladenden Bett mit Wandverkleidung in verschiedenfarbigen Hölzern in einer Raumecke, der Sitzecke mit rundem Tisch und Stehlampe, dem Teppichboden, wie die Flure in warmem, beruhigenden Blau, den weißen Gardinen und modern gemusterten Übervorhängen, dem elegant gefliesten und ausgestatteten Bad, und gehe mit dem jungen Mann weiter zum Büro der Stationsschwester, wo er mich vorstellt und sich dann verabschiedet.

   "Herzlich willkommen!" Eine lebhafte und freundliche junge Frau in hübschem Kleid stellt sich vor, nimmt wieder meinen Namen, den meines Mannes und dessen Telefonnummer auf und bittet mich, später zu einer kurzen ärztlichen Erstuntersuchung zum Büro des Stationsarztes zu kommen. Danach wolle sie eine Mitpatientin bitten, mir dem Weg zum Speisesaal zu zeigen.

   Sie fragt, ob mein Gepäck schon auf dem Zimmer sei ("Nein"), der junge Mann noch einmal zurückkommen und mir helfen solle ("Danke, nicht nötig, ich schaffe das schon allein!"). Später ärgere ich mich über mich selbst, darüber, großzügig über seine allzu oberflächliche Erledigung des ihm eindeutig erteilten Auftrages, mir zu helfen, hinweggesehen und mir deshalb einen Nachteil verschafft zu haben, da sich der Gepäcktransport dann als sehr umständlich und anstrengend herausstellt.

   Die feuerfesten und deshalb sehr schweren selbstschließenden Treppenhaustüren aus Metall lassen sich nur mit Kraft und unter Absetzen der Gespäckstücke öffnen. Ich halte die diversen Türen durch Davorstellen einer Reisetasche offen, trage die weiteren Teile einzeln hindurch, schleppe sie wiederum einzeln über einen langen Flur und unter erneutem Offenhalten anderer feuerfester Türen in ein anderes Treppenhaus und belade den Aufzug, während ich dessen Tür wieder mit einem Gepäckstück blockiere. Der Anhänger auf meinem Zimmerschlüssel trägt die Nummer 212.

   Ich fahre deshalb in den zweiten Stock. Gleiche Gepäckprozedur in umgekehrter Reihenfolge in den abzweigenden Gebäudetrakt, in dem mir der junge Mann vorher mein Zimmer gezeigt hatte. Ich vergleiche die Nummer des neben der Tür angebrachten Raumschildes - 312? Mit beginnender Resignation stelle ich fest: Ich bin falsch. Zwar im zweiten Stock, aber bei der Etagennummerierung wurde im Untergeschoß mit bereits mit einhunderter Nummern begonnen. Den Weg also zurück, mit dem Fahrstuhl hinunter in die erste Etage. Ich fühle mich sehr erschöpft und bin frustriert über diese sinnlose Anstrengung, dem Weinen nahe.

   Eine Viertelstunde später und einen Flur tiefer sieht mich Schwester Verena durch die Glastür mit meinen Lasten an ihrem Büro vorbeigehen, kommt heraus, fragt, ob ich auch wirklich zurechtkomme oder ob ich ihre Hilfe brauche („Nein, danke - ich schaffe das allein!"), und informiert mich: "Bitte jetzt gleich, um 17 Uhr, zur Kurzuntersuchung vor dem Büro des Stationsarztes warten."

   Der Gedanke des ungewohnten Vor-der-Tür-stehen-Müssens stört mich, allerdings tritt der Arzt überpünktlich auf den Flur und bittet mich in ein normales Patientenzimmer. Auf dem runden Tisch steht ein betriebsbereiter PC mit Farbbildschirm und Drucker; diverse Papierstapel sind auf Sitzbank und Bett verteilt.

   Der Arzt, in etwa meinem Alter und zu meiner ersten Überraschung nach Akzent Westdeutscher, begrüßt mich mit einem freundlichen Händedruck und bittet mich, auf einem der bequemen, gepolsterten Stuhlsessel Platz zu nehmen. Ich sage ihm, dass ich sein Zimmer als Arbeitsumgebung selbst sehr schätzen würde. Besonders das Bett ziehe mich sehr an; eine kurze Ruhepause während eines hektischen Tages würde bestimmt frische Energie aktivieren.

   Er lacht, sagt, dass die Unterbringung des Klinikpersonals in Patientenzimmer nur vorübergehend vorgesehen sei. Sein Umzug in sein tatsächliches Büro im neuen Trakt stehe in den nächsten Tagen bevor. Es entspinnt sich ein Gespräch über meinen Arbeitsplatz, die oft aus Zeitmangel unkoordinierte Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen, die dadurch entstehenden und gelegentlich auch kostspieligen Pannen, deren Behebung wiederum nicht vorhandene Zeit erfordert.

   Er erklärt mir dann mein Befinden mit dem in den letzten Jahren immer bekannter werdenden Burn-Out-Syndrom: "Sie fühlen sich innerlich ausgebrannt und leer und sind absolut erschöpft!"

   Dann bittet er mich in das eigentliche Untersuchungszimmer, streift während unseres kurzen Weges über den Flur einen weißen Kittel über seine legere Kleidung. Er hört Lunge und Herz ab, misst Blutdruck. Dieser ist erschreckend hoch.

   "Ich bin heute mehrere hundert Kilometer Autobahn gefahren und habe in der letzten halben Stunde Gepäck geschleppt. Vielleicht ist dies der Grund?" frage ich in der Hoffnung, zu hören, daß es sich nur um eine vorübergehende, begründbare Erscheinung handelt.

Der Arzt hält tiefsitzenden Ärger für den wahrscheinlicheren Grund. Die eingehende Untersuchung soll morgen Nachmittag stattfinden. Die Nachtschwester misst eine Stunde später in seinem Auftrag nochmals meinen Blutdruck: unverändert hoch.

   "Der Arzt hat mich beauftragt, Ihnen ein Medikament zu geben, damit nichts passiert." Sie gibt mir eine Tablette ("Erst Zerbeißen, dann Kauen!") zur Erweiterung der großen inneren Gefäße.

Nach dem Abendessen soll ich noch einmal zur Kontrolle ins Schwesternbüro kommen.

   Eine Mitpatientin, die sich bereiterklärte, mich in den ersten Tagen zu betreuen und die sich der Sitte des Hauses entsprechend jetzt als meine "Klinikpatin" bezeichnet, wartet bereits wie von der

Nachtschwester angekündigt auf einem Stuhl der Sitzgruppe im Flur auf mich. Sie stellt sich freundlich vor: "Herzlich willkommen! Ich bin Frau Fröhlich!"

   "Ein schöner Name! Er klingt so optimistisch!"

   "Ja, aber im Moment würde Frau Kläglich viel besser zu mir passen..."

   Sie hilft mir erst, meine Gepäckstücke auf mein Zimmer zu bringen, und zeigt mir den Weg zum Speisesaal. Sie spricht eine der Bedienungen an und bittet sie, mir einen Platz zuzuweisen. Die junge Frau lächelt mich freundlich an, entschuldigt sich für einen Moment, und berät kurz mit ihren Kolleginnen: "Frau Schneider sitzt als einzige Frau an einem Tisch - sie freut sich bestimmt, wenn noch eine Dame dazukommt!"

   Sie führt mich zu einem Sechs-Personen-Tisch, der für vier Personen gedeckt ist und an dem auf der meinem Platz gegenüberliegenden Seite bereits zwei Herren sitzen, die mir in einer Mischung aus Freundlichkeit, Neugier und Skepsis entgegensehen. Wir begrüßen uns kurz und stellen uns namentlich vor, dann gehe ich zum sehr dekorativen und vielfältigen warm-kalten Büffet, das spiegelbildlich in der Mitte des Raumes aufgebaut ist, stelle mich an eine der beiden kleinen Menschenreihen an und wähle aus.

   Ich genieße während des Aufrückens in der Reihe bewusst den Anblick des reichhaltigen Essenangebotes, die geschmackvolle Umgebung, die sanfte Beleuchtung, auf den Fensterbänken der vielen riesigen Sprossenfenster des runden Saales mit Kuppeldach unzählige Töpfe mit roten Weihnachtssternen.

   Bei meiner Rückkehr sitzt jetzt zusätzlich auf dem Platz links neben mir eine blonde Dame, vermutlich einige Jahre älter als ich. Ich stelle mich vor: "Guten Abend! Ich bin Regine König, heute Nachmittag angekommen..." Sie stellt sich ebenfalls vor, beginnt sofort ein freundliches Gespräch. Auf ihre Frage, ob ich eine gute Fahrt gehabt habe, entspinnt sich ein Gespräch, und ich erwähne im Lauf der Unterhaltung als Grund meines Hierseins meine jahrelange Überlastung in Familie und Beruf, beginne in die gewohnten Klagen zu verfallen. Der ältere Herr links gegenüber wehrt sofort höflich lächelnd ab: "Nicht mehr ärgern... lassen Sie sich das gute Essen hier schmecken!"

   Ich empfinde seine Worte als freundlichen Tadel, ahne noch nicht, wie gelassen bereits länger anwesende Patienten mit hektischen Neuankömmlingen umgehen.

   Mein Gegenüber, ein gutaussehender, großer Mann in etwa meinem Alter mit traurigen Augen, stellt sich als Ostfriese aus Aurich vor, fragt, ob ich Ostfriesenwitze kenne. Ich kenne zwar welche, empfinde aber eine unbestimmte Peinlichkeit, und antworte mit Nein. Sein Nachbar bittet ihn mit spitzbübischem Lächeln, doch unbedingt einen solchen Witz zum Besten zu geben. Bereitwillig beginnt mein Gegenüber: "Wissen Sie, weshalb Ostfriesen vor dem Schlafengehen dreimal um ihr Bett rennen?" Wir schütteln verneinend die Köpfe. „Weil sie dann drei Runden Vorsprung vor einem Einbrecher haben!" Freundliches Gelächter von uns Dreien. Er scheint erfreut, uns erheitert zu haben, wird jedoch sehr schnell wieder ernst und verläßt als Erster sofort nach Beendigung seiner Mahlzeit mit einem freundlichen "Einen schönen Abend wünsche ich noch!" den Tisch.

   Zurück zur Stationsschwester; Blutdruckmessen. Ergebnis: nahezu normal.

Sie weist mich auf eine Veranstaltung hin: "Der Chefarzt der Klinik hat für 19 Uhr heute Abend einen Nikolaus-Vortrag philosophischer Art im kleinen Speisesaal angekündigt. Die Teilnahme ist freiwillig. Sie sollten aber unbedingt hingehen - er macht das wunderbar! Ich habe bald Dienstschluss und höre mir den Vortrag selbst ebenfalls an! Es werden viele Leute dort sein."

   Einige Grüppchen haben bereits an den Tischen Platz genommen. Eine alte Dame sitzt allein. Sie ist sehr geschmackvoll gekleidet, gut frisiert, und erinnert mich in ihrer aufrechten Sitzhaltung an meine verstorbene Tante, Jahrgang 1912. Ich frage, ob der Platz neben ihr frei ist, von ihr mit einem erfreuten Ja beantwortet, und setze mich. Sie beginnt ein Gespräch.

   Bereits nach wenigen mir ungereimt erscheinenden Worten bemerke ich, dass für mich keine Unterhaltung mit ihr möglich sein wird. Ich habe keine Kraft für Zuwendung aus Mitleid. Deshalb lächle ich nur freundlich, gebe keine Antworten. Erschrecke kurz, als sie über ihr Alter spricht: Sie ist fast zwanzig Jahre jünger als von mir angenommen.

   Der Chefarzt kommt herein. Er möchte ohne Mikrofon sprechen und bittet alle, näher zu rücken, um seine Stimme nicht überstrapazieren zu müssen. Es folgt heftiges Stühle Rücken und Tische Wegschieben.

   Die alte Dame neben mir lächelt mir aufmunternd zu, ihr zu folgen, trägt ihren Stuhl einige Meter weiter in Richtung des Arztes, und nimmt wieder Platz. Ich folge ihr nicht, möchte diese Bekanntschaft sofort wieder abbrechen, stelle meinen Stuhl an einer anderen Stelle ab, halb verborgen hinter dem auch hier vorhandenen Weihnachtsbaum.

   Wieder die freundliche Aufforderung des Chefarztes, näher zur Mitte des Raumes zu kommen: "Noch näher, rücken Sie dicht zusammen!" Wieder eifriges Stühle Rücken. Ein letzter Tisch soll aus der Mitte nach hinten transportiert werden, um mehr Platz für die Zuhörer zu schaffen. Ironische Bemerkung einer jungen Punkerin mit weißblondem Irokesenhaarschnitt, die beim Transport des Tisches mit anpackt: "Dieser Tisch muß jetzt unbedingt und auf jeden Fall zwischen allen Stühlen hindurch nach hinten getragen werden!"

   Ich fühle mich genervt von der Unruhe und den Geräuschen und würde am liebsten sofort gehen. Der Weg zum Ausgang ist jedoch mittlerweile durch Zuhörer nahezu blockiert.

   Der Chefarzt setzt sich und beginnt mit einer angenehmen, warmen Stimme seine Erzählung. Die Legende des Nikolaus von Myra, der zwei Töchter einer bankrotten Kaufmannsfamilie durch Schenkung von Geld vor von ihnen selbst beabsichtigter Prostitution zur Rettung der Familie vor dem finanziellen Ruin bewahrt, dient als Einleitung von Variationen des Themas Geben und Nehmen. Der Chefarzt erwähnt neben der sexuellen auch die geistige Prostitution und erinnert mich damit an Verhaltensweisen, die nicht meinem Wesen entsprechen, aber für ein Gehalt von mir erwartet werden. Wo ist mein Nikolaus von Myra, der mich daraus befreit?

   Die Stimmung im Raum ist entspannt. Der Schein der vielen Kerzen und der elektrischen Beleuchtung des Weihnachtsbaumes schaffen Atmosphäre. Der Arzt klingt so ehrlich und mitfühlend, dass ich nicht nur die professionelle Gesprächsführung bewundere, sondern auch irgendwie angerührt bin und verstohlen ein paar Tränen von den Wangen abwische.

   Langes Schweigen der Zuhörerschaft folgt auf seine Aufforderung, Empfindungen im Zusammenhang mit dem Gehörten zu äußern. Dann, nach einer weiteren freundlichen Aufmunterung, die erste zögernde Wortmeldung, der nach langen Pausen weitere folgen.

   Auch die alte Dame meldet sich zu Wort, spricht mit unklaren Worten von der Quelle des Glücks. Die beiden Teenies vor mir schauen sich vielsagend lächelnd an. Eine Äußerung der alten Dame fordern einen Zuhörer zu dem Ausruf "Da bin ich aber ganz anderer Meinung!" heraus.

   Der Chefarzt unterbindet sensibel weitere Gegenäußerungen des Zwischenrufers und weist freundlich darauf hin, daß sich keine Diskussion entspinnen soll, sondern dass jedem Gelegenheit gegeben ist, seine Gefühle und Gedanken zu äußern.

   Nach jeder Wortmeldung fordert der Chefarzt die Sprecherin oder den Sprecher auf, mit beiden Händen in einen der mitgebrachten und dabei von ihm in greifbare Nähe gereichten Jutesäcke mit Nüssen und Süßigkeiten zu greifen und sich einen Teil der "Gaben" zu nehmen.

   Später, zum Abschluss, bittet er um die Unterstützung eines jungen Mannes, und die beiden Jutesäcke werden weit ins Publikum hineingereicht, jeder möge sich mit beiden Händen bedienen. Die Zuhörer greifen bereitwillig ins Dunkle der Öffnungen, versuchen, den Inhalt zu erspähen oder fühlen mit geschlossenen Augen nach bekannten Formen. Lacher klingen auf.

   Ich sehe den Chefarzt jetzt aus der Nähe. Er wirkt sehr konzentriert und ernst. Meine Hände fördern dann Walnüsse und Haselnüsse aus dem Sack hervor. Eine der beiden Teenies strahlt: "Ich habe drei Schokoladennikoläuse!". Ich denke, dass ich die auch gerne gehabt hätte, schelte mich kindisch, und sehe doch gleichzeitig, dass auch diese wohlgemeinte Gabenverteilung kleine Kümmernisse hervorrufen kann.

   Alle Anwesenden helfen bei der Wiederherstellung der ursprünglichen Anordnung der Tische. Später packe ich im Zimmer meine Reisetaschen aus, fühle mich geborgen und will bleiben. Drei bis vier Monate!

   Es plagt mich jedoch der Gedanke an Schokolade, die ich zu Hause zur Beruhigung meiner Gefühle oft im Übermaß verzehrte, und jetzt wohl in Erinnerung gebracht durch meine beim Zuhören empfundene innere Bewegung und die entgangenen Schokoladennikoläuse. Die Cafeteria im Haus ist bereits geschlossen. Ich kämpfe innerlich, überlege, ob ich hinunter in den Ort fahren soll, um an irgendeinem Kiosk einzukaufen.

   Ein kurzer Aufschub der Entscheidung, die zugunsten der Fahrt in das Städtchen ausfallen wird, wie ich aus früheren Situationen ähnlicher Art nur zu gut weiß: Ich rufe Richard an, erzähle ihm vom Verlauf der letzten Stunden, frage, ob auch er sich ein wenig erholt, es als angenehm empfindet, in seiner freien Zeit nach seinen Bedürfnissen leben zu können. Er geht nicht direkt auf meine Frage ein, erzählt detailliert den Ablauf seit seinem Nachhause Kommen aus dem Büro: Essenzubereitung, Einräumen der Spülmaschine, Abendspaziergang mit unserem Hund, an manchen Tagen Betrieb der Waschmaschine. Die Haushaltshilfe komme regelmäßig, bügele jetzt sogar seine Hemden.

   Ich denke, dass er es als Mann einfach leichter hat als ich: Ich hatte Mitleid, nachdem sie mir die große Narbe in ihrer Armbeuge gezeigt und von Schmerzen beim Heben des Bügeleisens gesprochen hat, verlange deshalb diese Arbeit nicht von ihr. Richard weiß von der Narbe nichts, und sie zeigt sie ihm nicht.

   Nach unserem Telefonat sehr ich auf die Uhr: 21.15 Uhr, noch eine dreiviertel Stunde bis "Ausgangsende". Genügend Zeit, um noch loszufahren und einen Einkauf zu versuchen.

   Der Ort schläft schon, die Straßen sind leer. Keines der aus Hessen gewohnten und auch abends geöffneten Kioske oder Imbissstuben. Dann entdecke ich ein Bistro, parke den Wagen und gehe hinein. Einige Männer und Frauen am Tresen mustern mich, als ich nach Mineralwasser zum Mitnehmen frage.

   Einer der Männer am Tresen beginnt ein Gespräch und möchte mich zu einem Getränk einladen. Ich lehne freundlich ab. Ich fahre zurück und freue mich auf das ansprechende Zimmer und das bequeme Bett, lese unkonzentriert noch einige Seiten und schlafe nach langem Grübeln und Umherwälzen ein.

   Der Ton des Weckers reißt mich am nächsten Morgen um halb Sieben aus dem Schlaf, und wieder wünsche ich mir, noch weiter im Bett bleiben zu können, bis ich wirklich ausgeruht bin, ohne Selbstüberwindung aufstehen und den Tag beginnen kann.

   Ich schinde vor mir selbst erst Viertelstunden und dann Minuten heraus, bis es so spät ist, bis mir keine andere Wahl bleibt und ich unter Zeitdruck aufstehe, rasch heiß-kalt Dusche, mich schminke, kämme und anziehe und den Speisesaal gerade noch am Ende der offiziellen Frühstückszeit erreiche.

   Das Büffet ist noch bestückt, an "meinen Tisch" sitzt bereits niemand mehr, außer meinem Gedeck ist bereits abgeräumt. Eine Servierfrau kommt mit einer Kanne an den Tisch, begrüßt mich freundlich, und schenkt Kaffee in meine Tasse. Sie fragt interessiert, ob ich mich schon ein wenig eingelebt hätte, und ich antworte ihr aufrichtig, dass es mir auf den ersten Blick bereits sehr gefalle und ich mich ausgesprochen wohlfühle. Sie lächelt erfreut, sagt dann leicht resigniert: "Es kommen viele Patienten aus dem Westen zu uns, die an allem etwas auszusetzen haben..."

   Psychologischer Test, 9 Uhr: Beantwortung per Computer, und immer wieder in verschiedenen Formen die Frage nach empfundenen Angst- oder Wutgefühlen, nach quälenden Gedanken, befehlenden Stimmen, nach Vorstellungen von Aggressionen oder Selbstmord.

   Der Test wird unter meinem Namen durchgeführt, soll vor Beendigung des Aufenthaltes wiederholt werden, der Vergleich der Beantwortung bei Ankunft und bei Abreise Veränderungen im Befinden deutlich machen. Ich merke mir: "Bei Abschlussgespräch nach Ergebnis fragen!"

   Zwei Stunden Zeit bis zum Mittagessen. Ich gehe auf mein Zimmer, das die beiden Frauen des Zimmerdienstes gerade wieder verlassen, und baue den PC auf, schließe ihn am Netz an. Die von mir durch Unterschrift akzeptierte Hausordnung schließt die Benutzung mitgebrachter elektrischer Geräte auf den Zimmern aus.

Ein leises Schuldgefühl nagt in mir, über das ich mich jedoch hinwegsetze, da meine Handschrift in den letzten Monaten so unregelmäßig geworden ist, dass ich Mühe habe, sie später zu entziffern. Ich MUSS einfach schreiben, wäre sehr unglücklich, mir Abläufe und Gedanken nur in Stichworten notieren zu können und wochenlang merken zu müssen, dabei aus den Erfahrungen der letzten Monate genau zu wissen, dass ich mir fast nichts merken kann.

   Meine Vision bei Beantragung der Kur, genau hier in diesem Teil Sachsens, in der Nähe Dresdens, ohne Zeitnot und unter frischen Eindrücken über meine Erfahrungen im Osten zu schreiben, hatte mich noch in letzter Minute den Laptop kaufen, das Schreibprogramm besorgen, das Einspielen organisieren lassen, und hat sich jetzt tatsächlich verwirklicht.

   Dem Termin zur Untersuchung durch den Stationsarzt um 15 Uhr sehe ich etwas angespannt entgegen. Es ergibt sich ein langes Vorgespräch, in dem mich der Arzt und Stationstherapeut sehr einfühlsam zum Reden ermuntert, interessiert zuhört, und meine beabsichtigte Aussage in anderen Worten formuliert. Er zeigt mir damit, dass er mich genau verstanden hat. Ich erzähle ihm auch von meinen häufigen Stammtischbesuchen, und er fragt: "Haben Sie mit Ihrer Ärztin auch darüber gesprochen?" "Ja."

   "Das ist gut. Hier im Haus gibt es eine wöchentliche Veranstaltung "Suchtgruppe" für Betroffene und Angehörige von Betroffenen. Sie findet mittwochs um 15 Uhr in der Patientenbibliothek statt. Ich habe sie früher selbst einmal geleitet und empfehle Ihnen die Teilnahme - aber erwarten Sie nicht zu viel davon."

   "Ich werde auf jeden Fall hingehen, obwohl ich sicher bin, dass meine momentane Lebensweise nicht mein eigentliches Problem ist - es ist lediglich die Folge meiner Belastungen.

   Ich habe bereits begonnen, mich mit den Ursachen zu befassen, und glaube, auf der richtigen Spur zu sein. Ich fühle mich schon seit Jahren überfordert.

   Seitdem ich bei meinem Mann auf Verständnis stoße, hat sich unsere Beziehung bereits wesentlich verbessert, und wir leben beide gesünder.

   Ich sorge mich um meinen Sohn, aber ich kann von hier aus nichts für ihn tun. Mein wesentlichstes Problem scheint im Moment das schlechte Betriebsklima an meinem Arbeitsplatz zu sein - ich werde kündigen!"

   "Entscheiden Sie auf keinen Fall vorschnell. Sie würden Ihr Problem vermutlich überallhin mitnehmen!"

   "Was meinen Sie damit?"

Er geht nicht auf meine Frage ein. "Sie haben Übergewicht - was sagt Ihr Mann dazu? Kritisiert er Sie?"

   "Nein."

   Ich muss lächeln, könnte mir nicht vorstellen, dass Richard mir Vorwürfe machen würde.

   "Er sagte einmal, dass er mich mit weniger Kilos genauso gern hätte..."

Jetzt lächelt er ebenfalls. "Möchten Sie während Ihres Aufenthaltes hier abnehmen?"

   "Ja, natürlich - aber ich will mich nicht damit unter Druck setzen! Wenn es mir wieder besser geht, nehme ich sicher auch wieder ab!"

   "Sie essen also, wenn Sie sich unbehaglich fühlen?"

   "Ja! Und ich kenne seit langem kaum noch ein anderes Gefühl! Mir geht es nur gut, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich mag, und wenn ich interessante neue Eindrücke erlebe."

   "Es ist gut, wenn Sie sich nicht selbst unter Druck setzen. Das Essen hier ist sehr ausgewogen. Wenn Sie regelmäßig an den Mahlzeiten teilnehmen, werden Sie bestimmt bald einen Erfolg feststellen."

   Ich bin erleichtert, fühle mich verständnisvoll und individuell behandelt. Zu meiner Überraschung bezeichnet er im folgenden Gespräch mehrfach meine Erscheinung als sehr beeindruckend. Er fragt: "Sie üben in Ihrer beruflichen Position Macht aus?"

   Ich muß wider Willen lachen: "Nein. Ich leite eine Dienstleistungsabteilung. Wir versorgen die Belegschaft in mehreren Casinos mit Essen, sorgen für Verwaltung und Pflege der Berufskleidung, beauftragen und beaufsichtigen Fremdfirmen, die Gebäude- und Betriebshygiene-Maßnahmen durchführen - eben alles, was in einem Haushalt auch anfällt, nur in sehr viel größerem Maßstab und mit einem hohen Kostenaufwand.

   Meine Verantwortung ist es, auf möglichst niedrige Ausgaben zu achten, Probleme zu lösen, mit denen meine Mitarbeiter allein nicht zurechtkommen, Lieferanten- und Behördenkontakte zu pflegen... Jeder Tag ist anders und oft voller Überraschungen...

Macht übe ich dabei wirklich nicht aus - ich muss dafür geradestehen, dass keine Pannen auftreten! Und es liegt mir nicht, andere Menschen zu führen. Ich muss mich überwinden, anderen Anweisungen zu erteilten. Es kostet mich zu viel Kraft - mir werden ständig Probleme vorgetragen, und ich zerreibe mich bei meinen Anstrengungen, den Anforderungen des Unternehmens und gleichzeitig der Leistungsfähigkeit meiner Mitarbeiter gerecht zu werden... Es tut mir weh, zu sehen, wie überlastet manche von ihnen sind - ich helfe dann, verzichte auf Pausen und verschiebe eigene Arbeiten."

   "Sie üben also einen sehr verantwortungsvollen Beruf aus und sind jetzt sehr erschöpft - wir haben hier die Möglichkeit, Ihnen zu helfen!"

   "Meine Ärztin hält eine Aufenthaltsdauer von drei bis vier Monaten für erforderlich."

   Er äußert sich nicht zu meiner letzten Bemerkung, gibt mir nicht die insgeheim erhoffte Bestätigung eines so langen Aufenthaltes, sondern sucht aus Formularstapeln sechs leere Wochenpläne heraus und trägt in den ersten Plan die festen Termine mit Begriffen wie "Stationsgruppe, Große Gruppe mit beiden Stationen, Wochenendgruppe, Autogenes Training" ein, verordnet Massagen, als ich von den von mir empfundenen Schmerzen im Nacken- und Rückenbereich spreche.

   "Diese Verordnungen reichen aus. Machen Sie hier in der Klinik nicht den Fehler, ihren Terminplan zu voll zu packen!"

   Er studiert längere Zeit seinen Kalender: "Es ist kaum noch Luft... Ich bin an einigen Tagen nicht im Haus... Als Termin für das nächste Einzelgespräch kann ich Ihnen deshalb erst den nächsten Mittwoch um 15 Uhr nennen."

   Zur gleichen Uhrzeit findet auch das Treffen der Suchtgruppe statt... Er warnte aber gerade, mir nicht zu viel davon zu versprechen... Ich wäge innerlich ab, verspreche mir größeren Nutzen von einem Gespräch mit ihm und mache ihn nicht auf die Termingleichheit aufmerksam.

   Teilnahme an den Gesprächstherapiegruppen an drei Vormittagen der Woche unter seiner Leitung ist Pflicht. Zusätzlich bietet er die Wahl zwischen Körpertherapie und Kunsttherapie an.

   Ich gebe trotz meines spontanen Interesses für Kunsttherapie Bewegung den Vorrang, werde gefragt: "Ist Kreativität ein wunder Punkt?" Ich erkläre ihm, dass ich meinen Restfunken Kreativität ins Schreiben geben möchte, statt ihn aufzuteilen für zwei kreative Interessen.

   "Schreiben befriedigt und erfüllt mich, obwohl ich gleichzeitig das Gefühl habe, mich zu verausgaben. Aber es ist sehr wichtig für mich und hat mir geholfen, einen Teil meiner Vergangenheit zu verarbeiten. Es gibt mir die Möglichkeit, nach Neutralität in der Darstellung zu suchen, und es verschafft mir das Gefühl der Übersicht - ich spüre beim Schreiben, wenn Formulierungen nicht die tatsächliche Situation wiedergeben, und kann mir Zeit nehmen, die falschen Töne zu überdenken und ehrlich zu korrigieren!"

   Er nickt, will ein Vorgespräch mit der Körpertherapeutin für mich vereinbaren.

   Bei der anschließenden medizinischen Untersuchung empfinde ich einen starken Würgereiz, als ich den Holzspatel im Hals fühle. Der Arzt bemerkt dies sofort, fragt, ob ich dieses Gefühl oft spüre. "Ja, oft, hängt vielleicht mit der Situation zusammen!" Er fragt: "Ist es so, daß Sie alles zum Kotzen finden?"

   "Inzwischen nicht mehr alles. Mein momentanes Hauptproblem ist die Situation an meinem Arbeitsplatz!"

   Die Tischgesellschaft im Speisesaal ist mir bereits sehr vertraut. Ich habe mir ein Bild der Personen gemacht und von der Dame neben mir bereits die Gründe ihres Hierseins erfahren, kenne auch vage die Schwierigkeiten des älteren Herrn links gegenüber: Er hat seine Frau nach langer Ehe durch einen Unfall verloren, soll hier seine Trauer verarbeiten und zur selbständigen Versorgung seines Haushaltes angeleitet werden. Das Verhältnis zu seinen beiden Söhnen sei sehr gespannt. "Eifersucht. Ich wollte meine Frau immer für mich allein, wollte, daß sie den Söhnen nicht so viel Aufmerksamkeit schenkt. Jetzt erhalte ich eben die Quittung..."

   Ein weiterer Tischgenosse ist dazugekommen. Ein noch stiller Mann in etwa meinem Alter, in seinem Vor-sich-hin-Blicken mehrmals durch freundliche Ansprache meiner Nachbarin unterbrochen. Nur er und ich sitzen jetzt noch am Tisch, und wir unterhalten uns über den Computertest und die Gründe unseres Hierseins.

   Er erzählt von einer schweren Erkrankung einer Kopfarterie und sehr ungünstigen Prognosen mehrerer deutscher Ärzte: "Ich habe so lange weitergesucht, bis ich einen japanischen Spezialisten gefunden hatte, der mich dann mit seinem eigenen Team in der Schweiz operierte. Vorher habe ich alles für den Fall meines Todes organisiert - sogar einen Platz auf dem Friedhof ausgesucht, den meine Familie von der Wohnung aus sehen kann... und jetzt soll ich mich hier erholen."

   Nach dem Frühstück am nächsten Morgen gehe ich zur Bäderabteilung, will mir Termine für die verordneten Massagen geben lassen. Ich soll die Bögen und die Verordnungskarte nach dem Essen wieder abholen.

   Die Körpertherapeutin hat mir den Gesprächstermin von einer Stationsschwester übermitteln lassen. Ich gehe in ihr Büro. Sie fragt mich, ob ich eine Vorstellung von ihrer Arbeit habe. Ich verneine, spreche von meiner schnellen Erschöpfung, von meiner bei Anstrengungen einsetzenden Atemnot, dem Bedürfnis, bereits nach einfachsten Erledigungen im Haushalt wieder eine Ruhepause einzulegen.

   "Es ist mein dringender Wunsch, auch körperlich wieder leistungsfähiger zu werden."

Sie erklärt mir, dass ihr Ziel nicht die Verbesserung der Fitness, sondern die Verstärkung der Körperwahrnehmung der Patienten sei. Die Therapeutin spricht leise und ohne Betonung, ist sehr blass, und ich spüre ein unklares Gefühl des Widerwillens in mir, Bedauern, nicht meinem ersten und spontanen Interesse für Kunsttherapie gefolgt zu sein.

   Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer versuche ich mich an den von ihr genannten ersten Gruppentermin zu erinnern - um 11? Im Saal? Wenn ich mich doch nur besser konzentrieren könnte! Es stehen heute nur zwei Termine auf dem Programm, und selbst die kann ich mir ohne den im Moment in der Bäderabteilung befindlichen Plan nicht genau merken. Ich gehe zum Saal, öffne die Tür. Die Anwesenden stehen im Kreis, mustern mich gelassen. Die mir fremde Therapeutin kommt näher, blickt fragend. Ich erkläre ihr leise, dass ich vor einer Stunde mit einer ihrer Kolleginnen gesprochen habe und glaube, jetzt und hier einen Termin mit ihr zu haben. Nein. Der Raum, den ich suche, soll im Keller des neuen Gebäudetraktes sein.

   Ich mache mich auf die Suche, erfolglos. Der Hausmeister kommt mir entgegen, und ich spreche ihn erfreut an: "Sie sind doch der Mann, der alles weiß! Ich suche einen bestimmten Raum!" Er überlegt nach meiner vagen Erklärung gründlich, schüttelt bedauernd den Kopf. In diesem Moment fällt es mir ein: "Ich verwechsele anscheinend einen Termin. Ich muss nicht zur Körpertherapie, sondern zum autogenen Training im Gruppenraum meiner Station!"

   Es ist bereits nach 11, und ich eile hastig über die Flure, betrete unseren Gemeinschaftsraum, das "Wohnzimmer", grüße die Anwesenden leise und setze mich etwas abseits. Vier Frauen und drei Männer sitzen entspannt auf Stühlen. Ich höre der Unterhaltung zu, erkenne eine gewisse Hierarchie in der Gesprächsführung. Nach längerer Wartezeit kommt die Tagesschwester herein: "Der Termin fällt leider aus. Der Arzt ist heute unvorhergesehen nicht im Haus!"

   Nach einer Unmutsreaktion einer der anwesenden Frauen und deren Verlassen des Raumes überlegen einige der Anwesenden, ob das autogene Training nicht auch ohne die Anleitung des Therapeuten durchgeführt werden könnte. Es findet sich jedoch kein "Ansager". Das Gespräch plätschert dahin. Ich bleibe - eine gute Gelegenheit, sich etwas aneinander zu gewöhnen. Eine der Frauen scheint Wortführerin, in sehr angenehmer Weise. Sie hat eine warme Stimme, äußert sich interessiert und mitfühlend, macht indirekt auf mich aufmerksam, als das Thema auf Übergewicht wechselt: "Wir haben eine neue Dame unter uns, die davon betroffen ist. Hoffentlich sind wir ihr nicht zu nahe getreten!"

   Ich verneine, stelle mich namentlich vor, und rücke näher an die Gruppe. Eine junge Frau erzählt von Schwierigkeiten mit einem Bankautomaten im Ort: "Bis ich die Karte ordentlich verstaut hatte, war das Geld bereits wieder eingezogen!" Ihre Stimme klingt humorvoll, und im ersten Moment lächeln alle belustigt. Dann wird klar, dass sie nicht nur von einem einmaligen Versehen spricht, sondern diese Gründlichkeit und übergroße Langsamkeit ein ernstes Problem ist.

   Ihr Aufenthalt wird in der nächsten Woche enden. Sie erzählt, dass sie eine spürbare Verbesserung in ihrem Verhalten bemerke, unter einigen Zwängen nicht mehr so stark leide. Auf die Frage einer Anwesenden hin erwähnt sie dann auch Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, dass sie dort offen über die Art der Klinik gesprochen habe und bereits damit rechne, ihren Beruf vermutlich nicht ohne Weiteres fortsetzen zu können. Sie wünsche sich bald ein Kind, spricht sehr liebevoll von ihrem Freund, der weit entfernt von ihr wohnt. "Ich habe mein Wunschstudium absolvieren können und nach langen Bemühungen auch meinen Wunscharbeitsplatz gefunden - allerdings hier im Osten und damit sehr weit von Familie und Freunden getrennt. Ich vermisse sie so sehr..."

 

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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