Montags gehe ich dann doch wie gewohnt in den Betrieb und spreche offen mit meinen engsten Mitarbeitern über meine Mühe, die Tage bis zur Genehmigung durch die Kasse und meiner Abreise zu überstehen. Frank, ein ehrgeiziger Mann Anfang Dreißig, kommt häufiger als die anderen zu mir ins Büro, Er fragt, was er zusätzlich für mich tun kann und heitert mich mit Betriebsklatsch und humorvollen Kurzberichten über Freizeiterlebnisse vorübergehend auf.
"Frank - vielleicht komme ich nicht zurück in die Firma. Du bist jung, hast Energie und Interesse, bist intelligent, begreifst alles sofort und arbeitest korrekt und schnell. Dir ist keine Arbeit zu viel. Du verdienst es, weiterzukommen!"
Energie und Interesse... arbeitest korrekt und schnell... Dir ist keine Arbeit zu viel... Wehmütige Erinnerung an meine eigene kraftvolle Zeit. Jetzt fühle ich mich leer.
Er wehrt vehement ab: "Erhole dich erst einmal, dann sieht die Welt wieder ganz anders aus. Wir sind hier doch ein Spitzenteam - die gemeinsame Arbeit macht doch Spaß! Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne dich wäre! Du gehörst doch hierher!"
Trotz dieser aufmunternden Worte leuchten seine Augen interessiert. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er innerlich bereits abwägt, welche Auswirkungen meine Kündigung auf seine Karriere haben könnte.
"Ich habe drei bis vier Monate Zeit, um meine Entscheidung zu treffen, aber meine frühere Arbeitsfreude wird wohl nicht zurückkehren. Bereite dich auf Veränderungen vor. Ich gönne dir ein Weiterkommen von Herzen... Aber paß' um Himmelswillen auf, daß du dich nicht verausgabst wie ich!"
Er sagt selbstbewusst: "Mir würde das nicht passieren - ich kann mich besser wehren!"
Die von den Krankenkassenmitarbeitern vorausgesagten 14 Tage zur Genehmigung meines Kassen-antrages sind längst vorüber. Nach mir endlos erscheinenden vier Wochen erhalte ich dann die schriftliche Kostenzusage für vorläufig sechs Wochen und werde telefonisch gefragt, ob ich auch in eines der neuen Bundesländer fahren würde. Ich reagiere trotz meiner Erschöpfung spontan begeistert, war im Vorjahr mit Richard auf einer Urlaubsreise in den neuen Bundesländern: "Ja! sehr gerne! Am liebsten nach Dresden!" Gleichzeitig habe ich die Vision, dort an einem neuen Buch zu schreiben, die erwartete reichliche Freizeit dafür zu nutzen.
Dann erhalte ich einen Anruf meiner Kassensachbearbeiterin: „Wir können Ihnen kurzfristig eine Psychosomatische Klinik in Sachsen anbieten - ganz neu, gerade erst in Betrieb genommen!"
Die schriftliche Bestätigung nennt als Anreisetag den 29. November. Drei lange Berufswochen sind also noch zu bewältigen. Ein Kollege fragt teilnahmsvoll: "Dann sind Sie ja über Weihnachten in der Klinik - was sagt Ihr Mann dazu, dass er an den Feiertagen allein sein wird?"
Richard beteuert, dass meine baldige Erholung das Wichtigste sei: "Mache dir keine Gedanken um mich. Und ich bin ja nicht ganz allein. Der Hund und ich haben uns gegenseitig zur Gesellschaft. Ich werde dich jeden Abend anrufen."
Ich kann es kaum erwarten, allen Ansprüchen zu entfliehen. Allein die Aussicht auf Ruhe hilft mir bereits, neue Energien aufzubauen. Ich fühle mich bei weitem nicht mehr so niedergeschlagen wie noch vor kurzem. Durch Empfehlung einer Bekannten finde ich eine Haushaltshilfe, weiss, dass ich durch ihre Arbeit bei meiner Rückkehr aus der Klinik die Wohnung gepflegt vorfinden werde und nicht wie bei früheren Abwesenheiten nur oberflächlich aufgeräumt, zur Besänftigung einen prächtigen Blumenstrauß auf dem Tisch.
Die neue Hilfe, eine Türkin in etwa meinem Alter, bezeichnet sich bei unserem ersten Kennenlernen sofort als unsere "gute Hausfrau". Zu Recht, wie Richard und ich bereits am ersten Tag ihrer Arbeit für uns anerkennend feststellen. Sie erhält einen Zweitschlüssel und wird sich während der nächsten Monate um unseren Haushalt kümmern.
Im Betrieb delegiere ich alle Arbeiten mit Hinweis auf meine bevorstehende Abwesenheit sofort weiter, ignoriere Telefon und Funkruf, ordne Akten und warte dann vor meinem leeren Schreibtisch auf den Feierabend des letzten Arbeitstages. Einem Impuls folgend packe ich in letzter Minute alle im Büro befindlichen persönlichen Dinge, Bilder und Pflanzen in meinen Wagen und nehme sie mit nach Hause, wo Richard mich verunsichert fragt, ob ich fristlos gekündigt habe.
Trotz seiner Fürsorglichkeit während der letzten Wochen hat Richard Angst um unsere finanzielle Sicherheit, und er ist sichtlich erleichtert, als ich auf seine Frage mit Nein antworte. "Bestimmt fühlst du dich bald besser und siehst alles mit anderen Augen!"
Ich antworte mit einem unbestimmten „Vielleicht..."
Am nächsten Morgen verabschieden Richard und ich uns vor seinem Weg zur Arbeit. Er umarmt mich fest und lange: "Ich wünsche dir gute Erholung... Ich rufe dich jeden Abend an! Wenn es dir recht ist...?"
"Ich gebe dir heute Abend meine Durchwahlnummer! Bis demnächst!"
Dann fülle ich ohne langes Nachdenken meine Reisetaschen mit Kleidung, Kosmetik- und Hygieneartikeln, verstaue das Gepäck und den sorgfältig verpackten Reisecomputer nebst Drucker und einem Paket Papier im Wagen, atme tief durch und fahre ab.




