An einem Samstagabend nach langen Gesprächen über unsere Familie bricht völlig unvermittelt der Damm, der meine Gefühle gestaut hatte: Tränen, Tränen, mein ganzer Körper bebt, und Karin, die selbst Trost gebraucht hätte, nimmt mich in die Arme.
Dann stoße ich schluchzend hervor: "Ich bleibe am Montag zu Hause. Ich gehe nicht in den Betrieb. Nie mehr! Die Schwierigkeiten dort machen mich krank, rauben mir alle Kräfte! Ich hätte in den letzten Stunden ihres Lebens bei der Tante sein können, stattdessen grüble ich nur noch über meine Arbeit nach! Und meine Angst um Robin - ich wollte zu ihm fahren... vielleicht ist er krank und braucht mich... Jetzt sind wieder andere Menschen wichtiger als er... Ich halte dieses Leben einfach nicht mehr aus!"
Richard macht ein bedenkliches Gesicht: "Regine, beruhige dich erst einmal... Bis Montag sieht alles wieder anders aus. Du kannst doch nicht einfach alles hinwerfen!"
"Doch! Ich kann! Wenn du mich nicht verstehen willst, kündige ich auch gegen deinen Willen! Ich gehe zugrunde an dieser Situation - was wird aus uns, wenn ich wirklich krank werde und meine Kräfte völlig verliere... Vielleicht liege ich dann nur noch apathisch im Bett und starre ins Leere!"
Richard kontert: "Dann mache ich das auch!"
Ich ringe flehentlich um sein Verständnis: "Richard - Ich kann nicht mehr! Ich bin am Ende meiner Kraft! Bitte verstehe mich doch - ich brauche dich! Du musst jetzt einmal für mich da sein, so wie ich nach deinem Motorradunfall vor Jahren monatelang auch für dich da war, bis du aus dem Krankenhaus nach Hause kamst und es dir wieder besser ging!"
Richard setzt sich neben mich, nimmt mich in den Arm und streichelt mein Gesicht. Nach einigen Minuten sagt er leise: "Regine... Ich glaube, ich verstehe jetzt... Entscheide selbst, was jetzt für dich richtig ist - ich stehe zu dir!"
Ich werde noch stundenlang von Weinkrämpfen geschüttelt, bis ich endlich in einen völlig ermatteten Schlaf falle. Den darauffolgenden Sonntag verbringe ich im Bett, versuche dann doch, mich für den kommenden Arbeitstag zu erholen, mein geschwollenes Gesicht durch Kompressen zu kühlen.
Trotz meiner Erschöpfung fühle ich mich durch Richards Worte und sein Verhalten getröstet. Er hat endlich verstanden, dass ich nicht mehr weiterkann und seine Hilfe brauche. Ich muss ihm gegenüber keine Energien mehr in Erklärungsversuchen oder Forderungen aufwenden. Jetzt spüre ich in ihm Liebe nach meinem Verständnis, endlich seine Bereitschaft, mich nicht nur als wichtigste Person in seinem Leben zu bezeichnen und Zuwendung von mir zu verlangen, sondern mir auch Fürsorge zu geben und für mich da zu sein.




