Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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12. Kapitel TODESFALL

   Um das fast unerträgliche Warten auf den Genehmigungsbescheid der Kasse auszufüllen, schlage ich vor: "Richard - unsere Wohnung könnte eine Renovierung vertragen... Mich stört immer stärker, daß hier alles beige ist: Die Wände, die Möbel - hier sieht es trostlos aus!"

"Das muss doch nicht jetzt sein - ich habe beruflich so viel zu tun, dass ich mich in meiner Freizeit erholen und keine Tapeten kleben oder Heizungen streichen will."

   "Du mußt es ja nicht selbst machen." "Wir haben kein Geld übrig."

"Wir erhalten bald beide unser Weihnachtsgeld, und ich werde nun ja nicht nach Australien fliegen. Ich suche jemanden, der die Arbeiten bezahlbar erledigt. Ich will, dass die Wohnung hergerichtet wird und ich mich darauf freuen kann, wenn ich aus der Klinik komme. Es gehört zu meinem neuen Anfang."

"Wenn du meinst, daß es unbedingt sein muss..."

   "Ja! Es muss sein!"

   Ich suche in der Zeitung nach entsprechenden Inseraten, rufe die erste Nummer an. Ein junger Mann meldet sich, will gleich am kommenden Montag, seinem Urlaubsanfang, mit der Renovierung beginnen. Er erscheint pünktlich vor meinem Verlassen der Wohnung, erhält von mir einen Schlüssel.

   Gegen 10 Uhr an diesem Morgen werde ich während einer Besprechung im Betrieb vom Telefonisten ausgerufen: "Frau König, bitte dringend bei der Zentrale melden!" Ich gehe ans Telefon, rufe an, er spricht mit mitfühlender Stimme: "Ich habe eine traurige Nachricht zu überbringen. Ihre Tante ist heute Morgen verstorben. Sie möchten bitte sofort ins Seniorenheim kommen!"

   Die Nachricht lässt mich kalt. Ich fühle keinen Schmerz um den mir nahestehenden Menschen - nur Erschöpfung bei dem Gedanken der zu erwartenden zusätzlichen Belastungen durch die Auflösung ihres Haushaltes.

   Die einzige Tochter der Tante lebt seit Jahrzehnten in USA, besuchte im Wechsel mit der Enkelin die Greisin seit einigen Jahren jährlich um die Weihnachtszeit. Beide ermunterten die alte Dame immer wieder, ihren Haushalt aufzulösen und zu den Verwandten nach Amerika zu übersiedeln. Sie lehnte stets ab mit den Worten: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht!"

   Nach dem Gespräch mit dem Telefonisten beende ich die Besprechung im Betrieb, erkläre die Situation und verabschiede mich für den Rest des Tages. Kurz vor Verlassen meines Büros erhalte ich einen weiteren Anruf, höre überrascht die Stimme meiner amerikanischen Cousine: "Regine? Kannst du sofort ins Altersheim kommen? Ich bin ganz allein mit meiner toten Mutter!"

   "Karin!? Du bist hier in Deutschland?"

   "Meine Mutter hat mich gestern telefonisch gebeten, sofort zu kommen... Ich habe mich bei meiner Chefin abgemeldet und bin sofort zum Flughafen gefahren, habe auch noch einen freien Platz bekommen... Aber sie war schon tot, als ich heute Morgen ankam... Wenigstens hat sie gewusst, dass ich auf dem Weg bin... Der Hausmeister hat mir die Tür geöffnet. Bitte komme so schnell du kannst!"

   Ich verbringe die nächsten Stunden mit ihr in der Wohnung meiner Tante. Der Frühstückstisch war noch von ihr gedeckt worden, und wir trinken den für das Eintreffen meiner Cousine vorbereiteten und in einer Isolierkanne warmgehaltenen Kaffee.

Die Tote liegt zugedeckt auf dem Teppich des Wohnzimmers, das Gesicht oberhalb des Mundes freigelassen, ihre Gesichtszüge entspannt. Der Arzt war bereits da, hat den Totenschein ausgestellt: Altersschwäche. Karin möchte mit mir in der Wohnung der Tante bleiben: „Ihre Seele ist bestimmt noch hier im Raum! Ich möchte meine Mutter jetzt nicht alleinlassen."

   Ich bin wie versteinert, fühle mich wie in einer makabren Filmkulisse, schiebe den Gedanken, dass die Tante wegen meines Wunsches nach Entlastung allein sterben musste, dann energisch zur Seite. Ich konnte ihr nicht helfen, brauchte meine letzten Energiereserven für mich selbst.

   Später sehe ich meinen Vater beim Anblick seiner toten Schwester zum ersten Mal in meinem Leben für einen kurzen Moment außer Fassung. Er beugt sich über ihr Gesicht und ruft: „Aber du hattest es doch so schön hier?!"

   Der Bestattungsunternehmer trifft mit zwei weiteren Männern ein und kondoliert uns. Die Tote wird in einen mit grellweißem Satin ausgeschlagenen Sarg gebettet - ein Kontrast, der die Greisenhaftigkeit des alten Körpers in Hauskleid, ihre sorgfältig bandagierten Füße in Pantoffeln, gnadenlos verdeutlicht.

   Meine Cousine möchte, dass die Tote auf ihrem letzten Weg ihr bestes Kleid trägt. Der Bestattungsunternehmer erklärt: "Das ist nicht nötig. Die Vorschriften bei Feuerbestattung erlauben ausschließlich Papierkleidung mit Grünem Punkt." Der Sargdeckel wird verschraubt, Abtransport.

   Mein Vater hat sich längst wieder in der Gewalt: "Lasst uns konzentriert darüber sprechen, was jetzt alles zu tun ist. Ich habe schon eine Checkliste gemacht. Hört zu!"

   Karin heuchelt erst Aufmerksamkeit, ruft dann mit dem vor ihr auf dem Tisch stehenden Telefon nacheinander ihre Tochter, ihre Chefin und ihre beste Freundin in USA an und schildert ausführlich die Abläufe der letzten Stunden. Mein Vater ist irritiert, sieht sie mehrmals lange an: "Ist dir bewusst, dass du keine Ortsgespräche führst? Das Telefon wird schnellstmöglich abgemeldet!"

   Später in meiner Wohnung biete ich Karin an, unser Telefon nach Belieben zu benutzen. Trotz der Einladung meines Vaters, während der Dauer ihres Aufenthaltes bei ihm zu wohnen, will sie lieber bei uns bleiben und sichtet und sortiert in den nächsten Tagen die wenigen Habseligkeiten ihrer Mutter in deren Wohnung.

   Ich widerstehe meinem Impuls, die Renovierungsarbeiten in unserer Wohnung aus Rücksicht auf meine Cousine zu verschieben. Karin lobt den fleißigen Maler, der sich zielstrebig und sauber durch die Räume unserer Wohnung arbeitet, Gardinenstangen und Lampen an- und nach dem Reinigen wieder anmontiert, Schränke selbst ausräumt, zur Seite rückt, später wieder einräumt.

   Für einige Tage erinnert bei Richards und meinem Heimkommen abends nur der Geruch nach Tapetenleim und frischer Farbe, der Anblick jetzt weißer Wände, nichts mehr an die vorherige Anwesenheit des Handwerkers.

   Meine Cousine kocht an den Werktagen für uns und heftet einen Erinnerungszettel an die Küchentür, wenn sie bei unserer Rückkehr nicht in der Wohnung ist, aber Essen vorbereitet hat: Ein ungewohntes Gefühl, nach einem Arbeitstag nach Hause in eine belebte Wohnung zu treten oder eine warme Mahlzeit fertig zum Verzehr vorzufinden, Abend lange Gespräche über Tagesablauf und Gefühle...

   Karin ist ein sehr temperamentvoller und redseliger Mensch, und in unseren Gesprächen erinnert sie immer und immer wieder an Episoden aus dem Leben ihrer Mutter. Wir lachen gelegentlich über Heiteres, und Karin weint immer wieder über rührende Ereignisse, ihr Bedauern, die Mutter nicht mehr lebend angetroffen zu haben. Und immer wieder trippelt sie betont dienstfertig durch das Wohnzimmer und sagt: "Ich bin eure live-in Hausmaid!", von mir seufzend kommentiert mit den Worten: „Das wäre schön..."

 

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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