Robin hat sich seit Wochen nicht mehr telefonisch gemeldet. Bei meinen Anrufen im Haus seines Vaters nimmt niemand den Hörer ab, und angstvolle Gedanken an Streit oder Schlimmeres nagen unaufhörlich in meinem Kopf.
Ich will Gewissheit haben, Robin helfen, falls er mich braucht, und suche aus den Gelben Seiten die Telefonnummer einer Frankfurter Detektei heraus, erfrage die Kosten für die Feststellung seines Aufenthaltes. Mein Gesprächspartner hält es für erforderlich, einen Agenturmitarbeiter aus Deutschland zu entsenden, da sich Ermittlungen von beauftragten ausländischen Büros oft als unzuverlässig herausgestellt haben.
Ich lehne ab, spiele mit dem Gedanken, noch vor meinem Klinikaufenthalt selbst nach Australien zu fliegen und meinen Sohn zu suchen. Ein Vereinsfreund, wie Robin gebürtiger Australier, besucht Richard und mich auf meine telefonische Bitte um Unterstützung abends zu Hause, bringt eine Karte der Region Sydney in großem Maßstab mit und zeigt mir den Ort, aus dem ich den letzten Anruf von Robin erhielt.
Während unserer Unterhaltung klingelt das Telefon: Mein Vater bittet: "Deine Tante hat eben hier angerufen. Sie fühlt sich sehr schlecht und glaubt, sie muss sterben. Es ist schon Abend, und ich hätte 50 Kilometer zu fahren... Du wohnst doch um die Ecke - Könntest du nicht hinübergehen und nachsehen, was mit ihr ist?"
Ich funktioniere wie gewohnt, anstatt meinen Vater zu bitten, sich selbst um seine Schwester zu kümmern. "Ich gehe sofort zu ihr und rufe dich später an."
Dann entschuldige ich mich bei unserem Freund, den ich jetzt in Richards Gesellschaft zurücklasse, wappne mich innerlich gegen neue Aufregungen, und gehe hinüber zum Seniorenheim, nehme die mir von der Tante für einen Notfall überlassenen Zweitschlüssel mit.
Beim Öffnen ihrer Wohnungstür sehe ich ihren Hinterkopf über der Lehne ihres mit dem Rücken zur Eingangstür stehenden Sessels, trete mit schnellen Schritten vor sie hin und rufe mit bangem Gefühl ihren Namen. Sie öffnet langsam ihre Augen und sagt mit matter Stimme, dass sie am Nachmittag einen Schwächeanfall auf offener Straße hatte. "Ein Mitbewohner hat mir in die Wohnung geholfen... seitdem sitze ich hier... Auf die Notklingel reagiert niemand, mein Hausarzt ist nicht mehr in der Praxis und meldet sich auch zu Hause nicht. Alle sind wohl auf dem Gemeindefest..."
Ich bitte telefonisch um den Besuch eines Notarztes. Er und vier weitere junge Leute treffen kurz darauf ein. Meine Tante wird befragt, untersucht, an ein EKG angeschlossen, erhält eine Infusion und eine Spritze und die Empfehlung, sich ins nahe Krankenhaus transportieren und intensiver untersuchen zu lassen.
Ich appelliere an sie, mitzufahren: "Du weisst, dass ich tagsüber arbeite und in den nächsten Tagen selbst einen Klinikaufenthalt antrete - ich habe keine Zeit, mich um dich zu kümmern. Bitte fahre mit und bleibe solange im Krankenhaus, bis es dir wieder besser geht!"
Sie wehrt ab: "Ich bleibe hier in meiner Wohnung. Wenn ich sterben soll, dann sterbe ich eben. Mit meinem fast 85 Jahren bin ich alt genug. Seit meinem Umzug hierher fühle ich mich nicht mehr wohl. Aber dein Vater meinte, es sei das Beste für mich... Es gibt nichts mehr, worauf es sich zu warten lohnt..."
Eine Stille im Zimmer folgt ihren Worten. Aus einem früheren Gespräch über das Seniorenheim und ihrer Bemerkung, dass manche der Bewohner nicht tot hinausgetragen würden, sondern doch noch zu ihren Familien zögen, glaubte ich herauszuhören, dass sie ungern dort lebt, möglicherweise auf meine Einladung wartet, die beiden nach Robins Abreise freigewordenen Räume zu beziehen.
Damals ging ich bewusst nicht weiter auf ihre Andeutung ein, sprach mit meiner Mutter über meine Abneigung, mich nach den vorausgegangenen Aufregungen mit Robin sofort wieder neu durch die Aufnahme einer greisen Person in meinen Haushalt zu belasten. Sie bürdete mir aber sofort eine neue Gefühlslast auf: "Sie hat doch eine Tochter, die sich um sie kümmern kann! Außerdem wäre ich ja auch wohl zuerst an der Reihe, zu dir zu ziehen, wenn ich meinen Haushalt nicht mehr allein schaffe!"
Jetzt, in der Wohnung meiner Tante, fühle ich Bedauern für ihre Einsamkeit, will fast schon beteuern, dass ihre Betreuung keine Last für mich sei. Mühsam kämpfe ich minutenlang dagegen an, es auszusprechen, will meine letzten Kräfte für mich behalten. Ich versuche noch einmal, sie zu bewegen, der Empfehlung des Notarztes zu folgen. Sie antwortet sehr bestimmt: "Nein. Ich bleibe hier. Wenn ich erst mal im Krankenhaus bin, hängen sie mich an Apparate und behalten mich dort. Ich bleibe hier - und wenn ich sterben soll, dann sterbe ich eben."
Der Notarzt und sein Team verlassen die Wohnung. Ich fühle mich verpflichtet, noch eine Weile zu bleiben. Telefonisch berichte ich Richard über die vergangene Stunde und höre, dass unser Freund mittlerweile gegangen sei. Dann rufe ich meinen Vater an, der seinen Besuch am nächsten Tag ankündigt.
Die nächste Stunde verbringe ich noch mit der Tante, höre ihren Schilderungen ihres Befindens zu, befürchte innerlich künftige Wiederholungen ihres Zusammenbruchs und damit meine menschliche Verpflichtung, ihr zur Seite zu stehen. Ich denke an den kommenden Arbeitstag, das verpatzte Gespräch mit Ulli, die liegengebliebene Hausarbeit, klammere mich an meinen bevorstehenden langen Klinikaufenthalt. Ich muss die Zeit bis zur Abreise irgendwie überstehen und vorher die zur Reise nach Australien erforderliche unbezahlte Woche Urlaub irgendwie bekommen...




