Da versuchte Gespräche mit Richard über unsere familiäre Situation ohne Ausnahme von ihm mit Schweigen beantwortet wurden, hatte ich als Ventil für meine Gefühle bereits vor dem Abflug meines Sohnes nach Australien begonnen, unsere Familiengeschichte niederzuschreiben.
Ich wollte so den immer kreisenden Strudel meiner Fragen und Schuldgefühle stoppen, um irgendwann später nach besserer Bewältigung meiner aktuellen Lebensprobleme zu versuchen, Erklärungen zu finden.
Es schien mir zu helfen, die bedrückende Vergangenheit schonungslos offen festzuhalten. Die entstehende Kapitelübersicht entsetzt mich: Die Entwicklung war förmlich abzusehen. Während des Schreibens wurde mir bewusst, welches Leid auch andere Familien mit rauschgiftsüchtigen Kindern ertragen, nach außen voller Schuldgefühle und Scham lange einen falschen Schein aufrechterhaltend und deshalb ohne Hoffnung auf Hilfe und Veränderung. Gequälte Eltern von Kindern, die selbst Opfer sind. Opfer des Mangels an Zuwendung, ihrer Einsamkeit und Ängste.
Aus der Niederschrift wurden im Lauf der Monate ein Buch. Ich drucke jetzt den Text dreifach aus, lasse die drei Manuskripte binden: Je ein Exemplar für Robin, Richard, und mich, gedacht zur Erweckung gegenseitigen Verständnisses unserer Schwächen und Probleme.
Robin reagiert in Australien nicht auf meine telefonische Frage, ob er unsere Geschichte lesen möchte.
Richard weigert sich trotz meines Drängens, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sagt, dass ihn die Erinnerungen zu sehr belasten. Seine Sprachlosigkeit ist beklemmend und frustrierend für mich.
Plötzlich entbrennt in mir der Wunsch, Gehör zu finden, mich mitteilen zu können, andere Familien vor gleichen Schicksalen zu warnen. Ich werde das Buch zur Veröffentlichung bringen!
Eine von mir mit Bitte um Rat angeschriebene Agentur fordert das Manuskript an, reagiert dann in überwältigender Weise: "Dieses Werk ist schockierend und berührend, hochaktuell, verfilmungswürdig, fast schon Pflichtlektüre für junge Eltern!"
Ich erhalte einen Lektorierungs- und Vermittlungsvertrag an, den ich trotz der erst einmal zu entrichtenden Lektorierungskosten im Einverständnis mit Richard unterschreibe. Mein Kostenanteil ist vor Arbeitsbeginn fällig und wird von Richard sofort überwiesen, obwohl er trotz meiner mehrfach wiederholten Bitte das Manuskript nicht liest.
Die Korrespondenz mit der Agentur lenkt mich vorübergehend von meiner Niedergeschlagenheit ab. Ich träume einen Zukunftstraum: Eintreffen des vorausgesagten Erfolges und damit die Möglichkeit, durch schriftstellerische Arbeit zu unserem Lebensunterhalt beizutragen.
Abschied von meinem belastenden Beruf, der Abhängigkeit von Zielen und Launen von Vorgesetzten.
Zeit für mich und meine Gedanken. Lange Spaziergänge mit unserem Hund, ohne mich unablässig gedanklich mit schwierigen Aufgaben zu beschäftigen. Weitere Bücher. Soziales Engagement.
Die Agentur warnt bei aller Ermutigung doch auch vor der Hoffnung des allzu schnellen Erfolgs: "Bearbeitung und Vermittlung brauchen Zeit. Geduld ist also unbedingt erforderlich!" Trotzdem kreisen meine Gedanken nun immer häufiger um die Zukunft, gaukeln mir ein völlig anderes Leben vor. In solchen Momenten fühle ich mich unbelastet und optimistisch.




