Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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7. Kapitel WIDERSTÄNDE

Jetzt, sechs Monate später, bin ich tatsächlich nahezu am Ende und erbitte telefonisch mit kläglicher Stimme einen Termin von ihrer Sprechstundenhilfe, darf trotz des gefüllten Terminkalenders bereits am nächsten Abend in die Praxis kommen. Die Begrüßung der Ärztin fällt dann sehr zurückhaltend aus.

Sie erkennt mit einem Blick, dass ich seit meiner einseitigen Beendigung der Gesprächstherapie und vorübergehender Abnahme wieder an Gewicht zugenommen habe. Sie schüttelt mißbilligend den Kopf, als ich ihr meinen mittlerweile noch stärkeren Widerwillen gegen die häusliche und betriebliche Atmosphäre schildere und wütend protestiere: "Es gelingt mir einfach nicht, mich verständlich zu machen. Ich bitte um Entlastung, und ich bekomme sie nicht. Ich fühle mich so, als spräche ich eine völlig fremde Sprache. Man sieht mir interessiert bei meinen Mundbewegungen zu - und benimmt sich dann weiter so, als hätte ich nichts gesagt!"

Sie gibt mir eine ihrer kurzen Erklärungen: "Ihre Veränderung stört Ihr Umfeld. Menschen, die Vorteile von Ihrer Anpassungsbereitschaft haben, möchten einfach, dass Sie so bleiben, wie Sie sind, und leisten deshalb bewusst oder unbewusst Widerstand."

Bei ihren Worten verliere ich die Fassung, kämpfe mit Tränen. "Ich kann nicht mehr... Ich habe einfach keine Kraft mehr..."

Sie reicht mir ein Papiertaschentuch: "Sie brauchen unbedingt Abstand! Sie müssen erst einmal für längere Zeit weg von allem, um sich zu erholen und unbeeinflusst über Ihre Lebenssituation nachzudenken. Ich weise Sie für drei bis vier Monate in eine psychosomatische Klinik ein. Danach werden Sie in der Lage sein, Ihr Leben so zu verändern, dass es Ihren Bedürfnissen entspricht!"

Bei ihren Worten wird mir schlagartig klar, dass sie meinen stillen Hilfeschrei verstanden hat. Ja, Ruhe ist es, die ich mir am meisten wünsche! Drei bis vier Monate! Niemand wird Anforderungen an mich stellen! Ich werde wieder Kraft schöpfen können! Und diese Kraft wird mir helfen, mich künftig energisch und erfolgreich durchzusetzen!

Die Ärztin füllt ein Formular aus, reicht es mir über den Tisch: "Die Genehmigung eines normalen Kurantrages würde zu lange dauern. Sie sind in sehr schlechter Verfassung. Hier ist eine Krankenhauseinweisung. Gehen Sie damit zu Ihrer Kasse. Ich gebe Ihnen einige Klinikprospekte von psychosomatischen Kliniken mit, die Sie sich in Ruhe ansehen können. Vielleicht schreibt Ihre Kasse aber auch Vertragskliniken vor. Erkundigen Sie sich!"

Erleichert nehme ich das Formular entgegen, werfe einen Blick darauf und lese die Diagnose: "Schweres psychosomatisches Krankheitsbild mit Essstörungen"

Auf dem Tresen ihres Empfangszimmers liegen verschiedene Broschüren aus. Die resignierten und gleichzeitig angstvollen Frauenaugen auf einem Titelblatt berühren mich tief, und ich nehme das kleine Heft mit. Es informiert über Psychosen, Gefühle der Lähmung bei dem Empfinden, Erwartungen, die Familie und Beruf stellen, nicht mehr gerecht werden zu können. Die Begründung liegt in seelischen und zwischenmenschlichen Konflikten, und zum Ausbruch kommend durch extreme emotionale Belastungen negativer als auch positiver Natur. Körper und Gehirn reagieren mit Stoffwechselstörungen verschiedenster Art.

Die Broschüre erwähnt eine übergroße Verletzlichkeit, die bei Erkrankten größer ist als bei anderen Menschen, starke Stimmungsschwankungen zwischen tiefster Niedergeschlagenheit und übertriebener, oberflächlicher Fröhlichkeit sowie Wechsel zwischen quälender Antriebslosigkeit und starkem Bewegungsdrang.

"Psychosen können einmalig auftreten und folgenlos wieder abklingen, über mehrere Phasen und einen längeren Zeitraum, oder sich chronisch entwickeln, wobei der Schweregrad im Verlauf zunehmen kann."

Ich erkenne Ähnlichkeiten, und die Beschreibung erschreckt mich. Gleichzeitig spüre ich deutlich, dass die ersehnte Ruhe mir wieder Kraft und Zuversicht geben wird.

Später, nach dem ersten Aufatmen, die bohrenden Zweifel: Wird ein derart langer Klinikaufenthalt ein Makel sein, immer wieder erwähnt werden, wenn ich künftig nicht mehr bereit sein werde, mich wieder dauerhaft überlasten zu lassen? Doch eine Antwort ist klar: Der jetzige Zustand ist unerträglich.

Richard reagiert positiv, als ich ihm von meinem bevorstehenden Klinikaufenthalt berichte: "Deine Ärztin machte auf mich einen sehr kompetenten Eindruck. Du kannst beruhigt fahren. Ich komme hier schon zurecht."

Am nächsten Tag informiere ich meinen Vorgesetzten mit kurzen Worten, erwähne nicht die vermutlich lange Dauer meiner Abwesenheit, sondern spreche von vorläufig sechs Wochen und möglicher Verlängerung. Er nimmt die Ankündigung meiner bevorstehenden Abwesenheit wortlos zur Kenntnis.

Ich gehe zurück in mein Büro, setze mich an meinen Schreibtisch und sehe mich im Raum um, spüre keinen inneren Bezug mehr zu Akten und Arbeitsmitteln. Deutliches Indiz für meine seelische Verfassung scheint ein Ölbild zu sein, das seit Monaten an der meinem Büroschreibtisch gegenüberliegenden Wand hängt. Ich fühlte mich bei seinem ersten Anblick im Schaufenster einer Kunsthandlung auf merkwürdige Weise gleichzeitig abgestoßen und doch irgendwie angesprochen: eine sitzende Frau in lascher Körperhaltung, mit zwei nach verschiedenen Richtungen sehenden verschiedenfarbigen Augen, völlig verschobenen Proportionen des Körpers und der Raumperspektive, irrealen Farben.

Jede früher geliebte Zerstreuung erscheint mir jetzt banal. Ich empfinde das Leben als öde. Die Gespräche mit meiner bereits greisen, lange verwitweten Tante, die ihren Haushalt am früheren Wohnort aufgab, seit kurzem im nahen Seniorenheim ein kleines Appartement bewohnt, sind nur noch belastend.

"Carola - ich überlege, ob es nicht das Beste wäre, allein zu leben..."

Meine Freundin und ich befinden uns auf einem unserer neuerdings regelmäßigen Spaziergänge mit unseren Hunden durch den Stadtwald. Sie schweigt.

"Ich will eine Zeitlang allein leben... Wie du! Im Haus unserer Freunde wird eine Mietwohnung frei... Ich würde mich am liebsten von Richard in Frieden trennen... Wenn wir feststellen sollten, dass uns noch etwas aneinander liegt, könnten wir in Ruhe unsere Vorstellungen klären..."

Carola antwortet wie immer sehr überlegt: "Es gibt doch keinen Grund, jetzt etwas zu überstürzen. Warte doch erst einmal ab, wie du dich nach deinem Klinikaufenthalt fühlst. Alleinleben hat natürlich Vorteile - aber auch Nachteile! Überlege dir das gut!"
 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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