Unser lang geplanter Herbsturlaub rückt heran: Eine Woche Bootsferien in Holland, gemeinsam mit zwei befreundeten Ehepaaren. Richard und ich besitzen beide seit zwei Jahren Bootsführerscheine, und ich freue mich darauf, mich mit ihm wie bei einem früheren Urlaub in der Führung des Schiffes oder im Herauslesen der Wasserstraßen aus der Karte abzuwechseln.
Während der Fahrt durch eines der Binnenmeere übernehme ich spürbar gegen seinen Willen das Ruder und überhöre trotzig Richards Mahnung, das Schiff präzise in der ausgetonnten Wasserstraße zu halten, will selbst herausfinden, wie ich es am besten manövriere. Das Schiff treibt etwas ab, hat kurz leichte Grundberührung, von Richard heftig kritisiert. Ich schlucke den Ärger über meine Fehlleistung und Richards Reaktion wortlos hinunter.
Am zweiten Tag fotografiere ich Richard am Ruder und möchte es dann übernehmen, um selbst im Steuerstand fotografiert zu werden. Er wehrt ab: "Ich führe das Schiff, bis wir die nächste Kanalbiegung hinter uns haben und im offenen Wasser sind!"
In diesem Moment hakt in mir etwas aus. Unsere gemeinsamen Urlaube und seine dann stets große Bereitschaft, auf mich einzugehen und sich mit mir auszutauschen, waren bisher die erfreulichen Ausnahmen unseres zu Hause seit langem sehr unbefriedigenden Zusammenlebens.
Unser Freund Herbert hat die Szene miterlebt, sieht mich ernst an, als ich wutentbrannt an ihm vorbei die Treppe zum Innenschiff hinunter rausche. Ich glaube zu wissen, was in ihm vorgeht: Nach seinem Empfinden ist Richards Führungsrolle normal. Gleichzeitig spürt er meine Enttäuschung und bedauert mich dafür.
Den Rest des Tages verbringe ich trotz mehrfacher Aufmunterungen der Freunde zur Übernahme des Steuers unter Deck. Nach der ersten Wut kommen die Tränen. Ich kann mich einfach nicht mehr beherrschen, ziehe mich in unsere Koje zurück. Abends nach dem Festmachen in einem Hafen gehe ich an Land, kauere mich eine Strecke weiter am sonst menschenleeren Kanalufer ins Böschungsgras, weine. Mein ganzer Körper bebt. Richard kommt mehrmals zu mir hinaus, sitzt lange neben mir: "Ich habe das doch nicht böse gemeint!" Dann gibt er seine Bemühungen um mich auf, beachtet mich nicht mehr.
Meine tiefe Niedergeschlagenheit verläßt mich die nächsten Tage nicht mehr, obwohl ich versuche, sie zu überspielen, mich an der herrlichen Landschaft, den gepflegten Dörfchen zu freuen. Herbert will mir Trost geben, ohne Richards Verhalten in Frage zu stellen, setzt sich wortlos zu mir und liest, wenn ich abends abseits von den anderen in einem dunkleren Teil des Salons auf einer Couch liege und an die Decke starre und versuche, die immer wieder aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
Ich gehe Richard tagsüber aus dem Weg, nehme bei den Mahlzeiten auf dem Schiff am jeweils anderen Tisch Platz. Richard sieht mit ernstem Gesicht an mir vorbei. Nachts halten wir auf dem Doppelbett in der Kapitänskajüte Abstand voneinander.
Meine Arbeitskollegin Hilde, ebenfalls Mitglied unserer Bootscrew, ermuntert mich noch während der Fahrt, einen Reisebericht zu schreiben und an unsere sporadisch erscheinende Firmenzeitschrift zu geben. Ich beginne, mir Notizen zu machen, und am Morgen meines ersten Arbeitstages schiebe ich die wartenden Poststapel auf meinem Schreibtisch beiseite und verfasse das Manuskript. Es wird von der Redaktion sofort erfreut angenommen, und ich werde gebeten, noch Fotos nachzureichen.
Trotz meiner noch nahezu unverändert anhaltenden Traurigkeit spüre ich eine unbestimmte und bisher unbekannte innere Zufriedenheit, eine innere Wärme ähnlich dem Gefühl eines wohligen Sattseins nach einem guten Essen, als ich meine Kopie des Berichtes in den folgenden Tagen mehrmals aus einer Schreibtischschublade hervorhole und genussvoll immer wieder lese. Meine gewohnten beruflichen Aufgaben rücken in solchen Momenten von mir ab und verlieren ihre mein Leben beherrschende Wichtigkeit.




