Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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4. Kapitel NULLPUNKT

Mir geht plötzlich nichts mehr von der Hand. Mein Gedächtnis lässt mich ständig im Stich. Ich muss jede Kleinigkeit auf Zettel notieren, alle Informationen mehrmals in den Akten nachschlagen. Ich verspüre ein starkes Druckgefühl im Kopf, vergesse den Inhalt der ersten Absätze eines Schriftstückes, bevor ich den Vorgang zu Ende gelesen habe. Das Klingeln des Telefons schmerzt mich körperlich, und ich muss mich überwinden, den Hörer abzunehmen.Meine Aufgaben ekeln mich förmlich an, ich verspüre einen ständigen Würgereiz im Hals. Die mich schon seit längerer Zeit quälenden Magenschmerzen werden stärker, erwecken in mir die Angst vor ernsten Gesundheitsschäden.

 

Abends kann ich nicht einschlafen, liege nach dem Zubettgehen nach ereignislosen und nahezu wortlosen Stunden in Gesellschaft meines Mannes, während derer ich mich wahllos mit Essen und Süßigkeiten vollstopfe, später im Bett Stunde um Stunde grübelnd wach und döse erst gegen Morgen ein, schrecke nach Alpträumen immer wieder auf. 

Mein Körper scheint nicht mehr zu mir zu gehören, meldet sich seit Monaten ausschließlich durch Schmerzen: Kopf, Herz, Magen, Gelenke, Wirbelsäule - immer öfter habe ich das Bedürfnis, Schmerzmittel einzunehmen, wehre mich aber dagegen, habe Angst davor, mich zusätzlich an den Konsum von Kaffee, Nikotin und Alkohol an die Einnahme von Medikamenten zu gewöhnen.

An Arbeitstagen erwache ich nach schweren Alpträumen während der frühen Morgenstunden nur mühsam beim Signalton des Weckradios und stehe erst nach langem Hinausschieben völlig zerschlagen und müde auf.

Beim ersten Gedanken an den bevorstehenden Arbeitstag durchzuckt mich ein abwehrendes Gefühl. Ich spüre sofort einen starken Widerwillen, Magenschmerzen, Druck im Brustkorb, und beginne zu grübeln, mit welcher Entschuldigung ich dem Betrieb fernbleiben könnte. Da mir Krankmeldungen zuwider sind, erbitte ich immer öfter telefonisch am Morgen telefonisch einzelne Urlaubstage, an denen mein Vorgesetzter mich dann mehrmals zur Beantwortung nebensächlicher Fragen und zum beschämten Unbehagen des Beauftragten zuhause anrufen lässt.

Meist trödele ich jedoch vor einem Arbeitstag lange zu Hause herum. Ich warte, bis Richard das Haus verlassen hat, bis ich mich überwinden kann, zu duschen, mich zu schminken und zu frisieren, anzukleiden. Im Spiegel sehe ich dann eine Frau, die mir völlig fremdgeworden ist: mit gepflegter Aufmachung, aber glanzlosem Haar, das blasse und ausdruckslose Gesicht kräftig überschminkt, matte Augen, über die sich die Lider bis zur Pupille senken. Ich habe Übergewicht, meine Gelenke schmerzen, und mein Gang ist schwer.

Ohne vorheriges Frühstück verlasse ich eine unaufgeräumte Wohnung, fahre Umwege auf dem Weg zur Firma, um bewußt später dort einzutreffen, den Moment der Arbeitsaufnahme hinauszuzögern.

Bei Entgegennahme meines Funkempfängers an der Pforte werden mir bereits schriftliche Informationen über unvorhergesehene Tagesprobleme übergeben mit dem geflüsterten Hinweis, der Zeitpunkt meines Eintreffens sei meinem Vorgesetzten zu melden.

An einem Morgen hänge ich während des Wartens an einer roten Verkehrsampel in Gedanken meinem Bedürfnis nach, zurück zur Wohnung zu fahren und den Tag bei heruntergelassenen Rollläden zu verschlafen, lege beim Umschalten auf Grün unbewußt den Rückwärtsgang ein und ramme das hinter mir stehende Fahrzeug. 

Durch meine ständigen Grübeleien kommt es immer häufiger zu Fehlleistungen. Ich vergesse Termine, obwohl sie in meinem Kalender notiert sind, verlege Dinge und Akten, verliere Schlüssel, Brieftasche und Geldbörse, schiebe Erledigungen von einem Tag zum nächsten auf. Geburtstage oder andere Ehrentage in der Familie werden vergessen oder bewusst ignoriert.

Ein intensives Gefühl von Unbehaglichkeit und Schuldbewusstsein verlässt mich nur noch in seltenen Momenten, in denen ich meine Belastungen vorübergehend vergessen und wie vor langer Zeit unbeschwert hellauf lachen kann.

Mein Kaffeekonsum steigert sich noch zusätzlich. Ich rauche unzählige Zigaretten, spüre schon bei den ersten Zügen Übelkeit in mir aufsteigen.

Ich wünsche mir, einfach in den Tag hineinzuleben, möchte schlafen, schlafen, schlafen, keine Pflichten mehr haben. Gegen dieses Bedürfnis spricht aber unser Lebensstandard und die Abzahlung unserer Eigentumswohnung.

Ich habe das Gefühl, mich nur noch durch Essen in Gang halten und durch immer häufigeren exzessiven Alkoholgenuss für einige Stunden unbelastet und fröhlich sein zu können.

Richard warnt bei meinen nicht abreissenden Klagen vage vor "unüberlegten Entscheidungen": "Regine, denke bei deinen Überlegungen daran: Wir haben nicht im Lotto gewonnen!"

Sein Freitagnachmittag ist arbeitsfrei. Er antwortet mir einmal auf meine wütenden Vorhaltungen, in dieser Zeit seinen Interessen nachzugehen, statt mir Haushaltspflichten abzunehmen: "Ich kann nichts dafür, dass du freitags bis 17 Uhr arbeiten musst. Außerdem helfe ich dir doch - ich koche gelegentlich, und ich kaufe auch ein, wenn du mich darum bittest. Ich sauge die Teppiche, bügle meinen Hemden selbst..."

"Das genügt aber nicht! Alles andere hängt an mir! Es ist mehr zu tun. Viel mehr! Wir müssen eine vernünftige Aufteilung finden! Ich schreibe ab sofort alle anfallenden Arbeiten auf einen Zettel, und wir notieren, wer sie erledigt und wieviel Zeit dafür erforderlich ist!"

Er stimmt bereitwillig zu. Für einige Wochen ist die Arbeitsverteilung nicht nur ausgeglichen, sondern die Haushaltsführung verbessert sich sichtlich. Richard führt endlich immer wieder von ihm verschobene Reparaturen aus, wartet und pflegt auch mein Auto, übernimmt das jährliche Gespräch mit unserem Steuerbüro.

Dann versandet seine Bereitwilligkeit zu stärkerem Engagement allmählich wieder. Meine Klagen beantwortet er mit dem Rat, beim Verlassen meines Büros gedanklich mit dem Arbeitstag abzuschließen und mich in meiner Freizeit zu entspannen.

 

Abhängigkeiten  Aggressionsstörung  Arbeitslosigkeit  Depression  depressive Verstimmung  Erschöpfung  Gedankenkarussell geistige Prostitution  Helfersyndrom  Leistungsdruck  Konzentrationsstörung  psychosomatische Erkrankung  Essstörung  Rückzug  Schlafstörungen  Selbstmord  Angst  Selbstmordgefährdung  Selbstverletzung  sexueller Mißbrauch  Suchtgefährdung  Trauer  Überforderung  Überlastung  Verhaltensstörung  Verlust  Zwänge

Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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