Burnouts - Die Mackenburg

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Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 90. Kapitel THERAPIEZIEL AGGRESSIONSBEWÄLTIGUNG

90. Kapitel THERAPIEZIEL AGGRESSIONSBEWÄLTIGUNG

   Wolfgang, meinem Gegenüber im Speisesaal, scheine ich wohl seit Tagen nicht ganz geheuer. Unser damaliger Ausflug ins Café blieb einmalig; Wolfgang schwirrt wie ein Schmetterling von Zerstreuung zu Zerstreuung, engagiert sich in zahlreichen aus Patienten zusammengesetzten Vergnügungskomitees, fährt ständig Frauen zum Bahnhof oder chauffiert Frauen zu Ausflügen.

   Er sieht mich mit einem von mir nicht deutbaren Gesichtsausdruck an, als ich von dem Gespräch berichte, und sagt: „Du weißt genau, wo die Steine liegen, wenn du über Wasser gehen willst..."

   Joachim macht lockere Anspielungen, erwähnt mehrmals mein Privileg, mit dem Chefarzt gesprochen zu haben. Wie immer kann ich seine Absicht nicht genau deuten und vermute: von allem etwas.

   Erich begreift die Welt nicht mehr: „Das kann man doch nicht machen..."

   Erster Tag meiner "neuen" Therapie ist Dienstag und für mich verordnungsfrei. Ich bin jetzt sehr zuversichtlich, bis zu meiner Abreise ausreichende Erholung zu erzielen, um dem Konflikt mit meinem Arbeitgeber nach meiner Rückkehr gelassen entgegenzusehen.

   Nach dem Frühstück fahre ich meinen Wagen durch die Waschanlage, vereinbare einen Friseurtermin, gebe die von mir während der Weihnachtsfeiertage gestalteten Tonhände und die Granitsteine beim örtlichen Friedhofssteinmetz ab und bitte ihn, sie in den nächsten Tagen mit Stahlstiften aufeinander zu montieren.

   Noch zwei Stunden Zeit bis zum Mittagessen und Gelegenheit für einen langen Spaziergang.

Ich vermute, bei meiner Rückkehr eine Notiz über einen Gesprächstermin mit meinem Stationsarzt vorzufinden, in dem er mir die neuen therapeutischen Maßnahmen erklärt und Verordnungen trifft. Keine Nachricht erwartet mich.

   Während der Mittagsruhe lege ich mich angezogen auf meinem Bett, entspanne mich, schließe die Augen. Durch meine Lider dringt der blasse Schein der Februarsonne vor dem Fenster.

   Dann beginnt wieder eine atemberaubende gedankliche Entwicklung: Ich habe das Gefühl, auf einer Art Bobbahn zu gleiten, die im steilen Winkel nach oben führt, und auf der ich plötzlich mit rasender Geschwindigkeit ähnlich dem Start eines Düsenjets hinauf katapultiert werde.

   Ich spüre Angst vor dieser Kraft und Schnelligkeit und davor, was oben geschehen wird, gleichzeitig ist mir noch das berauschende Erlebnis meines geistigen Höhenfluges vom vergangenen Samstag bewusst, und ich gebe mich jetzt dem Gefühl ohne Widerstand und mit Genuss hin.

   Ich erreiche den höchsten Abschnitt der Bahn und spüre mehr, als ich es in der Rasanz sehen kann, dass sich der Verlauf der Bahn wieder leicht neigt und dann auf gerader Ebene weiterverläuft.

   Dann befinde ich mich in Ruhe. Um mich herum ist Licht. Dieser Zustand hält für kurze Zeit an.

   Dann, immer noch im Halbtraum, befinde ich mich in einem Raum in einer Unterhaltung mit einem Mann, dessen Worte ich nur bruchstückhaft und nur sehr entfernt aufnehme, ohne den Sinn seiner Worte zu verstehen. Ich sehe ihn ratlos an, entschuldige mich und taumle hinaus ins Freie.

   Nach einigen unkoordinierten, schwindligen Schritten lasse ich mich an einem leichten Hang im Gras nieder, mit dem Rücken halb an einen Felsbrocken gelehnt, fühle mich sehr schwach und habe Angst, zu sterben, mein Leben einfach auszuhauchen. Ich werde immer matter, nehme immer weniger wahr. Menschen gehen einzeln und in kleinen Gruppen auf einem nahen Pfad an mir vorbei, sehen zu mir herüber, unterhalten sich.

   Ich habe das vage Gefühl, um Hilfe bitten zu müssen, und sehe intensiv zu einer Personengruppe hinüber, die gerade vorbeigeht. "...Bescheid gesagt..." dringt in mein Bewusstsein, dann trifft eine Art Ambulanzwagen ein. Zwei Männer in grauen Uniformen steigen aus und kommen näher.

   Ich halte es für möglich, dass sie mich in eine psychiatrische Anstalt bringen werden, spüre plötzlich eine gewisse Neugier am weiteren Verlauf. Ein weiteres interessantes Kapitel meines Buches?

   Mein Buch! Mein PC! Ich muss unbedingt meinen PC mitnehmen - er darf nicht verlorengehen!

   Dann fühle ich mich hellwach und grüble über die Bedeutung dieses Traumes nach, finde keine Erklärung.

   Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meiner etwas niedergeschlagenen Stimmung. Mein Stellvertreter ruft aus der Firma an, erkundigt sich nach meinem Befinden.

   "Ich bleibe bis auf weiteres, und es steht jetzt endgültig für mich fest: Ich werde nicht wieder in die Firma zurückkehren. Ich habe einen Brief geschrieben."

   Er lacht leise: "Sie haben Mut! Haben Sie keine Befürchtungen, Sie könnten einen Nachteil dadurch haben?"

   "Ich fühle mich sehr sicher - auf die Entfernung..."

   "Ja - aber vergessen Sie nicht, dass Sie nicht für immer frei wie ein Vogel herumschwirren können - irgendwann müssen Sie in den Käfig zurück..."

   „Ich werde nie mehr in irgendeinen Käfig zurückkehren!"

   Während der großen Gesprächsgruppe am nächsten Morgen übersehen mich Oberarzt und Stationsarzt konsequent. Es berührt mich nicht mehr. Ich höre den Gesprächen zu.

   Am Nachmittag bin ich unternehmungslustig, breche zu einer langen Autofahrt in die Lausitz auf, bin immer wieder aufs Neue gefangen von den sanften Hügeln, den vielen herrlichen historischen Gebäuden.

   Zum ersten Mal seit vielen Monaten lege ich eine Kassette in den Player ein, höre die kraftvolle Stimme von Mahalia Jackson. Sie singt temperamentvolle Gospels, die mich mitreißen und meine positive Stimmung verstärken.

   Donnerstag. Autogenes Training unter der Leitung des Stationsarztes, der zu Beginn eine organisatorische Information bekanntgibt. Dann richtet er das Wort an mich: "Ich vereinbare für Sie ein Fitness-Training unter der Leitung der Körpertherapeutin."

   Ich sehr vor mir Einzelrunden und Liegestützen unter der abweisenden Miene der Therapeutin, aus deren Sicht meine Betreuung bereits abgeschlossen war, und protestiere, kann meine Erschrockenheit wohl nur unvollkommen verschleiern: "Mit dem Chefarzt wurde vereinbart, dass ich wie bisher lange Spaziergänge an der frischen Luft mache oder Rad fahre..."

   Wieder seine zuckersüße Stimme: "Ich habe den Chef aber so verstanden!"

   "Dann haben Sie ihn falsch verstanden!"

   Trotz meines ruhigen Tones hat er meine durch Angriffe leicht entflammbare Wut mit einem Nadelstich wieder aufflackern lassen. Ich will Frieden für den Rest der Zeit, versuche, meine Gefühle zu unterdrücken, mich auf das autogene Training einzustimmen.

   Der Stationsarzt fragt dann wie zu Beginn jeden Übungsteiles: "Haben Sie mittlerweile allein geübt? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?"

   Die einzelnen Patienten berichten über ihre individuellen Wahrnehmungen, erlebte Entspannung, Hautprickeln, Wärmegefühle, Schwere der Gliedmaßen.

   Meine Klinikpatin klagt über erlebte Gefühllosigkeit ihrer rechten Hand, hat irgendwo gehört, dass autogenes Training vor dem Einschlafen schwere Träume hervorrufen könne. Er erklärt, dass nach bewusster Entspannung stets ein energisches Händeklatschen oder ausgiebige Bewegung erfolgen soll.

   Ich berichte von meinem Beinahe-Todestraum, der noch immer in mir nachklingt, und er fragt: "Haben Sie zum ersten Mal vom Sterben geträumt?"

   Ich bin verunsichert, verstehe seine Worte so, dass ich in Zukunft häufiger mit einem solchen Traum zu rechnen habe?

   Ich frage ihn danach. Er weicht aus: "Ich habe nur gefragt, ob Sie zum ersten Mal vom Sterben geträumt haben."

   "Ja. Es war der erste Traum dieser Art. Was bedeutet er?"

   "Das kann ich Ihnen nicht sagen. Versuchen Sie doch, im Gespräch mit anderen herauszufinden, welche Bedeutung er für Sie haben könnte."

   Unsere Neue, Jaqueline, blickt während des Wortwechsels irritiert von ihm zu mir, schüttelt unwillig den Kopf. Sie schließt sich mir nach dem Ende der Übung an, fragt, ob sie sich getäuscht hat, oder ob der Arzt tatsächlich Spitzen nach mir wirft. Ich bestätige, dass mich sein Verhalten verletzt, dass ich mich aber trotzdem nach anfänglichen Schwierigkeiten jetzt einigermaßen gefasst fühle. Mehr will ich ihr nicht erklären, um ihre künftige Beziehung zum Stationsarzt nicht zu belasten.

   Im Offenen Atelier am nächsten Tag drückt mir der Kunsttherapeut wieder einen großen, noch in Plastik eingeschweißten Tonklotz in die Hand: "Rupfen Sie kleine Mengen ab und bauen Sie eine Figur auf. Denken Sie sich keine spezielle Form aus. Lassen Sie einfach Ihre Hände wirken. Wenn Sie mehr Material möchten, bekommen Sie es."

   Merkwürdig. Ich frage ihn: "Hat mein Stationsarzt Ihnen die Anweisung des Chefarztes übermittelt?"

   „Welche Anweisung?"

   „Das neue Therapieziel ist Aggressionsbewältigung."

   Der Kunsttherapeut gibt sich belästigt, sieht mich desinteressiert an, wiederholt in widerwillig-ironischem Tonfall: "Aggressionsbewältigung...?"

   "Ja. Ich soll lernen, besser mit meinen Wutgefühlen umzugehen!"

   "Sie machen auf mich einen sehr ruhigen Eindruck. Aber vielleicht wäre die Bearbeitung eines Steins für Sie günstig gewesen..."

   "Das dachte ich auch - aber Sie sagten im ersten Gespräch bei meiner Ankunft vor Wochen, dass vor der Bearbeitung eines Steins noch mehrere Schritte erforderlich seien!"

   Er äußert sich nicht weiter, sondern wendet sich einer jungen Patientin zu, die auf ihrem Arbeitstisch aus mehreren Kilo Material eine liegende Figur modelliert, flüstert mit ihr. Ich höre Wortfetzen: "...nicht hier. Es hören zu viele Ohren zu... Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin darüber, wann und wo Sie die Figur zerstören, und seien Sie dabei auf keinen Fall allein..."

   Die junge Frau nahm auch an den Sonderveranstaltungen während der Weihnachtsfeiertage teil. Der Therapeut sprach auch damals sehr sensibel und beruhigend mit ihr, reagierte nicht gekränkt, als er sich als Partner für die "Spiegelhände" anbot und sie ihn leise um Verständnis bat, die Übung lieber mit einer Frau ausführen zu wollen.

   Er wurde dann mein Partner, war locker, verspielt, brachte mich mehrmals durch überraschende Veränderung der Körper- und Händeposition zum Lachen - die Übung, die ihn mir sehr sympathisch machte, mir einen völlig anderen als den sonst so fast abweisenden Menschen zeigten, und aus der später meine Tonhände entstanden.

   Das Gestalten von Formen aus Ton ist das wirkliche Vergnügen während meines Aufenthaltes in der Klinik. Ich vergesse die Anwesenheit der anderen Personen im Raum, und baue auf einem Holztablett ein neues Objekt auf, folge meinem Gefühl, arbeite auf einer Seite des oberen Teiles Augen und Nase ein, versehe den Rest der Form mit geordneten, leichten Eindrücken und setze auf die Spitze und auf der dem Gesicht gegenüberliegenden oberen Seite Stacheln ein.

   Ein Kopf unter einer stachelbewehrten Kettenhaube. Verteidigung. Kampf.

   Der Therapeut fragt: "Möchten Sie mehr Material?"

   "Nein, danke - ich glaube, es ist fertig."

   Er kommentiert mein heutiges Objekt: "Sie haben sich selbst dargestellt. Als aufrechte Figur. Das zeigt eine Verbesserung gegenüber der zuerst von Ihnen gestalteten Form."

   Ich stelle die Holzplatte mit dem zur Verhinderung zu schneller Austrocknung wieder mit Plastikfolie abgedeckten Objekt zum Trocknen in eines der Regalfächer an der Wand. Die vergangenen eineinhalb Stunden waren ein Genuss, und das Ergebnis zeigt im Vergleich zum „Selbstporträt" deutlich meine augenblickliche bessere Verfassung.

   Im Hinausgehen erwähnt der Therapeut: "Zwei Teilnehmer reisen morgen ab. Es kann sein, dass diese Art der Durchführung des "Ateliers" geändert wird. Wie, wann und wo ist noch nicht endgültig festgelegt. Die Änderung wird im Lauf der Woche am Informationsbrett Ihrer Station ausgehängt."

   Eine der Abreisenden ist meine Klinikpatin, die ihren Aufenthalt für einige Wochen zur Klärung persönlicher Angelegenheiten unterbrechen und dann zurückkehren wird. Sie klopft am Abend an meine Tür, um sich zu verabschieden, schenkt mir eine kleine Azalee, die sie nicht mit auf die Bahnreise nehmen will, und die Tonfigur eines Hundes: "So sah mein Hund aus. Er musste eingeschläfert werden. Ich habe ihn sehr geliebt - die Figur ist noch zu nass, um sie zu transportieren."

   Wir tauschen unsere Adressen aus, und beim Blick auf ihre von einem Automaten gedruckte Visitenkarte muss ich lächeln: Ihr Wohnort mit Postleitzahl sind von Hand nachgetragen.

   Sie sieht meine Erheiterung und lächelt ebenfalls: "Meine Konzentration lässt auch sehr zu wünschen übrig... ich habe erst nach dem Drucken gemerkt, dass etwas Wichtiges fehlt."

   Später stört mich die Hundefigur. Ich habe keine Beziehung zu ihr und möchte sie deshalb nicht behalten, habe aber wegen der Gefühle meiner Klinikpatin beim Modellieren Hemmungen, sie einfach wegzuwerfen. Ich nehme sie vorsichtig auf und gehe hinaus in den Flur, stelle sie dann unter einer Pflanzengruppe im Glaserker ab.

   Am nächsten Morgen große Gesprächsgruppe mit dem Oberarzt. Nach dem üblichen "Guten Morgen! Wie geht es Ihnen heute?" und der ebenfalls üblichen langen Stille ergreift Roland das Wort, spricht von offensichtlichen Aggressionen, denen er während eines harmlosen Federballspiels mit Alexandra, der Turniergewinnerin, ausgesetzt war: "Mir flogen die Bälle nur so um die Ohren. Kein schönes Gefühl. Mit ihr werde ich nicht wieder spielen, sondern mit jemandem, der schlechter ist als ich!" - Rolands Konsequenz aus seiner Niederlage.

   Der Oberarzt fragt jeden der anderen anwesenden männlichen Patienten zu ihren Gefühlen bezüglich Aggression. Dann blickt er in die Runde. Ich rechne damit, dass er jetzt auch mich wie vorher seine anderen Gesprächspartner namentlich anspricht.

   Er lässt lange seinen Blick schweifen, fragt pauschal und in nach meinem Empfinden etwas herablassendem Tonfall: "Was sagen denn die Damen zu diesem Thema? Im allgemeinen haben Frauen doch weniger Probleme damit?"

   Er blickt weiterhin abwartend-interessiert in den Kreis der Patienten, sieht an mir vorbei. Die übrigen Frauen schweigen. Im mir beginnt es zu kochen. Er hat mich vor diesem Kreis verabschiedet und übersieht mich seitdem konsequent, um meine Anwesenheit zu überspielen.

   "Weshalb sprechen Sie mich nicht direkt an, so wie Sie die Herren hier in der Runde vorhin direkt angesprochen haben? Vor einer Woche wurde für mich als neues Therapieziel Aggressionsbewältigung festgelegt. Stattdessen habe ich das Gefühl, dass diese Vorgabe inzwischen eigenmächtig abgeändert wurde in Aggressionsauslösung! Bei mir ist es bildlich gesehen in dieser Hinsicht bereits 5 vor 12! Ich verliere bei der kleinsten Störung die Beherrschung!"

   Er sieht mich freundlich lächelnd an: "Dann haben Sie ja noch ausreichend Zeit, um etwas zu verändern."

   Einige Patienten lachen erheitert auf. Meine Halsschlagader klopft. Der Oberarzt wechselt das Thema, fragt einige Patienten nach den aus ihrer Sicht bisher in der Klinik erzielten Erfolgen.

   Als ich am Abend den Speisesaal betrete, fängt mich die Saalchefin am Eingang ab. Sie sieht betreten aus: "Es tut mir sehr leid - aber die Stationsschwester hat angerufen. Sie sollen ab sofort nicht mehr an Ihrem bisherigen Tisch, sondern am Tisch der Essgestörten sitzen. Es ist bereits für Sie eingedeckt."

   Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Was soll das? Am gewohnten Tisch habe ich seit neun Wochen einen Stammplatz. Jetzt wurde für mich zwischen einer Drei-Zentnerfrau und einer magersüchtigen 35-Kilo-Frau eingedeckt. Ich würde spüren, dass die Übergewichtige nicht satt wird, und die Magersüchtige würde widerwillig in ihrem Essen stochern und mit größter Selbstüberwindung kleine Bissen hinunterwürgen.

   Die Patienten am Tisch vor mir sehen mich jetzt erwartungsvoll an. Ich befürchte, ihre Gefühle zu verletzen, wenn ich mich nicht setze - und schäme mich, vor den aufmerksamen Augen der übrigen Essensgäste zu dieser extremen und äußerlich sehr auffälligen Tischgemeinschaft versetzt zu werden.

   Dieser Moment des innerlichen Schwankens scheint sich unendlich in die Länge zu ziehen. Ich muss eine Entscheidung treffen...

   Ich will mich nicht auf diese Weise vorführen lassen!

   Im gleichen Augenblick, in dem ich diesen Entschluss fasse, kommen mir bereits ohne innere Anstrengung und mit fester Stimme die Worte über die Lippen: "Ich bleibe an meinem gewohnten Tisch. Bitte lassen Sie dort wieder für mich eindecken. Wo kann ich mit meiner Station telefonieren?"

   Sie zeigt mir das Haustelefon im Nebenraum. Meine Stimme zittert nun doch: "Schwester! Woher kommt die Anweisung, dass ich den Tisch wechseln soll?"

   Sie klingt mitfühlend: "Ich habe mich auch gewundert und extra nachgefragt, ob es sich um einen Irrtum handelt - Der Stationsarzt hat es heute Nachmittag während der Arbeitsbesprechung angewiesen."

   "Richten Sie ihm bitte aus, ich hätte abgelehnt. Wenn er möchte, sage ich es ihm auch noch einmal persönlich!"

   Ich gehe am kalten Büffet entlang. Mein Appetit ist verflogen. Um für die bevorstehenden 12 Stunden zwischen Abendessen und Frühstück überhaupt etwas im Magen zu haben, nehme ich nur zwei Äpfel aus der Obstschale, gehe zu meinem Platz und begrüße die anderen leise: "Guten Abend, alle zusammen!"

   Sie antworten ebenso leise: "Guten Abend!"

   Das Erlebte beschäftigt mich. Ich schäle still die Äpfel. Nach einiger Zeit fällt mir auf, dass keine der sonst üblichen Unterhaltungen am Tisch herrscht. Die anderen essen mit gesenkten Augen. Ich versuche einen Scherz: "Ist ja heute eine Wahnsinns-Stimmung hier am Tisch!"

   Sie sehen mich unsicher an. Ich möchte über meine gekränkten Gefühle sprechen, weiß aber nicht, ob ich es schaffe, ohne zu weinen. Trotzdem. Ich habe das Bedürfnis, darüber zu reden: "Ich habe eben etwas sehr Merkwürdiges erlebt. Ich weiß nicht, ob ich jetzt schon darüber sprechen kann..."

   Da platzt schon die Oberhessin laut heraus: "Wir wissen es schon alle! Du solltest an den Essgestörten-Tisch! Die Bedienung hat es uns vorhin erzählt!"

   "Weshalb habt Ihr die ganze Zeit nichts gesagt, wenn Ihr es schon wisst?"

   "Wir wussten nicht, wie du reagieren würdest. Vorsichtshalber haben wir überhaupt nichts gesagt..."

   Befürchtung von Tränen oder 'von Null auf Hundert', wie es Joachim kürzlich ausgedrückt hatte?

   Ich bin jetzt froh, dass ich so schnell über den Vorfall sprechen konnte, ohne ihn vor Scham in mich hineinzufressen. Joachims Augen lachen mich an: "Und - was machst du? Wechselst du nun den Tisch?"

   "Natürlich nicht. Du kennst mich doch mittlerweile, oder?"

   Jetzt lächelt er amüsiert.

Es ist ein Erfolg für mich. Ich habe mich sofort und ohne tagelanges Grübeln oder einen Wutausbruch behaupten können. Aber weshalb muss ich diese ständigen Verunsicherungen ertragen? Ich bin doch Patientin! Weshalb muss ich meine mühsam wiedergewonnenen Kräfte an solche Sinnlosigkeiten verschwenden? Aber ich spüre eine deutliche Genugtuung.

   Vor Beginn des autogenen Trainings am nächsten Tag sage ich dem Stationsarzt vor versammelter Runde ruhig, dass ich den Tischwechsel abgelehnt habe. Er geht ohne Kommentar zum Training über.

   Zu meiner Überraschung genieße ich trotzdem die Entspannung unter seiner Anleitung und kann meine Gedanken völlig abschalten, mich auf meinen Körper konzentrieren.

   Am darauffolgenden Tag spricht er mich vor der "Wochenendgruppe", die ausschließlich aus Patienten seiner eigenen Station besteht, auf den Vorfall an: "Sie wollen also nicht den Tisch wechseln. Weshalb nicht?"

   "Es ist eine willkürliche Einzelmaßnahme. Ich bin übergewichtig, aber ich habe allein durch regelmäßige Mahlzeiten bereits sieben Kilo abgenommen."

   "Sie wollen also in die Suchtgruppe verlegt werden? Sie können heute noch umziehen!"

   Ich fühle mich gesünder als er. "Sie verdrehen mir schon wieder das Wort im Mund. Ich habe nicht gesagt, dass ich in die Suchtgruppe verlegt werden will.

   Ich möchte mich in Ruhe und Frieden und an meinem gewohnten Tisch und in meinem gewohnten Zimmer noch bis zum Abreisetag erholen!"

   "Weshalb wollen Sie nicht wechseln? Sie nehmen doch auch am Treffen der Suchtgruppe teil!"

   Was fällt ihm ein? Wie kommt er dazu, die übrigen Patienten meiner Stationsgruppe über meine Verordnungen zu informieren, ihnen vielleicht sogar damit zu suggerieren, ich sei suchtkrank?

   Was ist mit Konrad, der abends oft genug alkoholumnebelt und mit rotem Kopf von seinen Ausflügen zurückkommt?

   Oder Rainer, mein Zimmernachbar, der sich als trockenen Alkoholiker und seinen extrem dicken Bauch humorvoll als "Murmel" bezeichnet? Er hat mir erzählt, dass er am vergangenen Wochenende ein Schlachtfest in seinem Heimatort in der Nähe besucht und dort "einen über den Durst getrunken" hat.

   Ich bin kein Denunziant, schweige.

   Der Stationsarzt gibt keine Ruhe: "Der Wechsel zum Tisch der Essgestörten ist eine Anweisung des Chefarztes aus der Unterhaltung letzte Woche."

   "Das habe ich anders in Erinnerung. Er hat mir empfohlen, weiterhin regelmäßig zu essen."

   "Sie leiden unter verzerrter Wahrnehmung!"

   Ich werde ganz ruhig, ignoriere alle weiteren Bemerkungen des Stationsarztes, bis er endlich nach mehrfacher Wiederholung der Frage "Ist Ihnen bewusst, wie Sie sich verhalten?" zu einem anderen Thema übergeht.

   Während der ganzen Zeit spüre ich Jaquelines Blick auf mir, sehe hinüber, erkenne Wut in ihren Augen.

   Abends erzähle ich am Tisch von meinem neuen Erlebnis mit dem Stationsarzt: "Wenn ich abgereist bin, schreibe ich dem Chefarzt noch einmal. Ich halte es für einen Skandal, was dieser Therapeut mit mir veranstaltet!"

   Ellen ruft erschrocken aus: "Er wird seinen Arbeitsplatz verlieren!"

   "Der Chefarzt entscheidet, welches Verhalten seiner Mitarbeiter er hier zulässt."

   Erich schüttelt den Kopf.

   Wolfgang sagt skeptisch: „Du hast wirklich Haare auf den Zähnen..."

Joachim rät, sofort etwas zu unternehmen: "Hier stehst du zu einem Gespräch zur Verfügung, wenn dein Stationsarzt andere Behauptungen aufstellt!"

   Nach dem Essen schreibe ich dem Chefarzt in gelassenen Worten noch einmal, bitte ihn um Klarstellung, ob die Versetzung wirklich auf seine Anweisung hin versucht worden sei. Die Tür des Chefsekretariats ist verschlossen. Ich schiebe den Brief im Umschlag unter der Tür durch.

   Am nächsten Morgen höre ich von Beate, die an einer vom Chefarzt selbst geleiteten Gesprächsgruppe zur Trauerbewältigung teilnimmt, dass er für zwei Wochen in Urlaub sei. Ich muss mich also gedulden, werde ihn vielleicht vor meiner Abreise überhaupt nicht mehr sehen, und er wird seine Anweisungen nicht durchsetzen können.

     Er wird aber nach seiner Rückkehr meinen Brief erhalten. Dies genügt mir, um auf die aus meiner Sicht fragwürdige Therapiemethode meines Stationsarztes aufmerksam zu machen.

   Richard besucht mich ein zweites Mal. Er trifft am Freitag gegen Abend gemeinsam mit unserem Freund Herbert ein. Sie wohnen beide im zur Schützenstube gehörenden Hotel.

Ich habe mir dieses Mal wegen des gestörten Verhältnisses keinen Urlaub vom Stationsarzt erbeten, melde mich vom Abendessen in der Klinik ab und fahre mit Richard und Herbert zur schönen alten Gaststätte am Marktplatz. Dort berichte ich vom neuerlichen Verhalten meines Stationsarztes: "Ich möchte nur wissen, was er davon hat?"

   Herbert antwortet spontan und sicher: "Er hat dir gegenüber Minderwertigkeitsgefühle, und deshalb will er dich jetzt unbedingt kleinkriegen!"

   "Minderwertigkeitsgefühle? Aber weshalb sollte er Minderwertigkeitsgefühle haben?"

   „Du überforderst seine therapeutischen Fähigkeiten, und er will dich auf diese Weise kleinkriegen, damit es keiner merkt!"

   Richard und ich zeigen dem Freund am nächsten Tag die Umgebung, fahren noch einmal zur Bastei, besichtigen Dresden, trinken Kaffee im Italienischen Dörfchen. Die beiden fahren am Sonntagmorgen wieder ab. Ich fühle mich noch immer in der Klinik zu Hause.

   Am Montag studiere ich das Informationsbrett, freue mich, keinen Hinweis auf eine Verlegung des "Offenen Ateliers" zu finden, und gehe pünktlich hinüber zum Arbeitsraum, sehe Alexandra schon von weitem in einem der Sessel in der Halle sitzen. Sie hat ihren "ständigen Begleiter" bei sich, den Schal, den sie seit ihrer Ankunft strickt und ohne den ich sie nur während der Essenszeiten sehe.

   Der Schal erinnert mich plötzlich an mein geliebtes "Kissen", das ich als kleines Kind bis zu meiner Einschulung unbedingt bei mir haben musste. Dieses Kissen ging mit auf Reisen, und auch jetzt hab ich wieder eines seiner Nachfolger dabei.

   "Hallo Alexandra - weshalb sitzt du hier draußen?"

   "Mein Termin ist künftig donnerstags. Habe ich gerade vom Therapeuten erfahren, nachdem kein Aushang am Info-Brett war."

   Ich klopfe an die Tür des Arbeitsraumes, öffne sie. Der Kunsttherapeut und einige mir fremde Personen sitzen um einen der großen Arbeitstische, sehen auf. Ich vermute, dass es sich um eine Gesprächsrunde handelt, die gleich zu Ende geht, und will die Tür wieder sacht schließen, um draußen zu warten.

   Mein Therapeut steht auf, geht einige Schritte in Richtung Tür und sagt unwillig zu mir: "Der neue Termin ist Dienstag. Das hatte ich letzte Woche bereits gesagt."

   Um ihn nicht vor seinen Kollegen als vergesslich zu outen, korrigiere ich ihn nicht. Ich schätze ihn als schwierigen Menschen ein, aber ich akzeptiere seine Art, weil mir die gestalterische Arbeit sehr viel gibt. Nach dem unerfreulichen Verlauf des früheren Gespräches möchte ich deshalb keine neue Spannung erzeugen, lasse mich lieber selbst als unaufmerksam darstellen.

   Trotzdem - ich muss etwas sagen.

   Für die entsprechende Zeit morgen hatte ich nach der Ablehnung des vom Stationsarzt vorgesehenen Fitness-Programms einen Termin mit der Körpertherapeutin vereinbart, die mich in die Benutzung des Trainingsfahrrades einweisen wird. "Ich habe morgen Nachmittag um 15 Uhr bereits einen Termin. Kann ich später kommen?"

   "Ja." Er schließt die Tür von innen.

   Am nächsten Morgen warte ich auf einem Stuhl im Flur in der Nähe des Büros meines Stationsarztes auf den Beginn eines Einzelgespräches, zu dem er mich bestellt hatte. Der Kunsttherapeut eilt während meiner Wartezeit einige Male an mir vorüber. Beim dritten Mal hält er inne, wendet sich um, kommt einige Schritte zu mir zurück: "Zimmer 161." Ich habe mein Notizbuch dabei, notiere die Zahl.

   Während der anschließenden Unterhaltung mit dem Stationsarzt versucht dieser eindringlich, mir Fehlverhalten bewusst zu machen: "Es ist falsch, sich bei Meinungsverschiedenheiten nicht direkt mit den betreffenden Personen auseinanderzusetzen, sondern die Autorität eines Dritten heranzuziehen - so wie Sie es mit Ihren Schreiben an den Chefarzt gemacht haben! Sie dürfen nicht ärgerlich werden, wenn etwas nicht nach Ihren Wünschen geht! Sie müssen in Ihrem Interesse unbedingt lernen, sich auch mit Misserfolgen zufriedenzugeben!"

   "Das kann ich nicht, wenn es um so wichtige Dinge wie meine Gesundheit geht!"

   "Die Versetzung an den Tisch der Essgestörten hätte keinen Einfluss auf Ihre Gesundheit gehabt!"

   "Doch! Es war für mich eine sehr demütigende Situation!"

   "Sie setzen sich damit über eine Anordnung des Chefarztes hinweg!"

   "Ich habe ihm noch einmal geschrieben und ihn gefragt, ob es wirklich seine Anordnung war."

   Er prallt erschrocken zurück: "Das haben Sie wirklich getan? Das war falsch! Sie hätten mit mir darüber sprechen müssen!"

   "Das hatte ich. Aber Sie haben mir wieder die Worte im Mund verdreht."

   Am Nachmittag erklärt mir die Körpertherapeutin die Funktion des Fahrrades: Clip zur Messung des Pulsschlages ans Ohrläppchen, Eingabe von nicht zu überschreitendem Pulsschlag, Alter, Geschlecht, Dauer der Trainingszeit.

   Der Tretwiderstand wird automatisch allmählich aufgebaut und bei Bedarf ebenfalls automatisch reduziert, falls die Anzahl der als Maximum eingegebenen Pulsschläge überschritten wird.

   Ein eingebauter kleiner Drucker zeichnet in regelmäßigen Intervallen die Daten auf.

   "Wollen Sie Ihre Kondition verbessern oder abnehmen?" Sie lächelt mich bei dieser Frage an, sehr überraschend für mich, die ich sie in den vergangenen Monaten ausschließlich mit unbeweglichem Gesicht sah. Wie merkwürdig. Irgendetwas ist unklar an dieser Situation...

   Auch jetzt halte ich mich wie morgens beim Kunsttherapeuten zurück, schlucke meine Frage hinunter. "Ich möchte beides, Kondition gewinnen und abnehmen."

   "Trainieren Sie jeden Tag eine halbe Stunde."

   Wir verlassen den Raum gemeinsam. Sie schließt ab: "Den Schlüssel erhalten Sie vor jeder Benutzung im Schwesternzimmer der zweiten Etage." Auf ihrem Gesicht blitzt kurz ein verhaltenes Lächeln auf, das mich mit einem unbestimmten Gefühl zurücklässt. Wieder auf dem Flur, geht sie in die andere Richtung weiter, ich eile ins andere Stockwerk, freue mich bereits auf das kreative Arbeiten unter Anleitung des Kunsttherapeuten.

   Raum 161 ist ein normaler Gruppenraum, das Wohnzimmer einer anderen Station. Ich erinnere mich jetzt wieder, hier mit ihm das erste Gespräch geführt zu haben. Es ist keinesfalls ein Arbeitsraum für Ton, Steine und Farben. Der Therapeut ist nicht anwesend.

   Ich überlege, wer mir helfen könnte, den richtigen Raum zu finden. Zwei der vier Personen starken "Atelier-Gruppe" sind inzwischen abgereist, und Alexandra sagte, ihr neuer Termin sei erst am Donnerstag. Hat der Therapeut sich vielleicht versprochen? Er würde den Termin doch nicht für mich allein festlegen?

Vielleicht ist er doch im alten Arbeitsraum? Ich gehe hinüber und sehe zu meinem Erstaunen vor der geschlossenen Tür meine beiden Ton-Objekte stehen, eines auf einem Stuhl, das andere auf dem Fußboden, kann mir keinen Reim darauf machen.

   Ich klopfe an. Ein mir fremder Therapeut sieht mich sehr abweisend an, als ich die Tür öffne, verneint meine Frage, ob er wisse, wo sein Kollege sei.

   Ich würde meine beiden Objekte gerne mitnehmen und in mein Zimmer bringen, müsste sie aber wegen ihres Gewichtes einzeln transportieren und nehme mir deshalb vor, sie erst später zu holen.

   Noch ein Versuch. Ich durchquere wieder die halbe Klinik zum Büro meines Therapeuten. Die Tür ist abgeschlossen.

   Ich hatte inzwischen von einem örtlichen Fotografen nach der erfolgten Montage der Tonhände auf die Granitsockel die geplanten Postkarten anfertigen lassen und einige davon an Verwandte und Freunde geschickt. Jetzt will ich auf freundliche Weise Kontakt herstellen und hole aus meinem Zimmer eine der Karten, bitte meinen Therapeuten um Nachricht, wann und wo genau das nächste "Atelier" stattfinden wird. Dann schiebe ich die Karte unter der Tür durch und gehe zurück ins alte Gebäude, um meine beiden Objekte zu holen. Sie sind nicht mehr da.

   Später am Esstisch: "Joachim - es war ein eigenartiges Gefühl, diese Formen dort stehen zu sehen..."

   "So als ob man dich selbst vor die Tür gesetzt hätte?"

   "Ja. Genauso. Und zwanzig Minuten später waren sie wieder verschwunden. Es war fast unheimlich..."

   "Fast wie Science Fiction? Wirst du den Vorfall bei deinen Therapeuten erwähnen?"

   "Nein. Es hat ja sonst vermutlich niemand darauf geachtet, und am Ende behauptet mein Stationsarzt noch, ich hätte Wahnvorstellungen. Er versucht sowieso schon eine Weile, mir eine verzerrte Wahrnehmung einzureden … Ich glaube mittlerweile, ihm ist kein Mittel zu billig, um mich zu verunsichern..."

   Der Kunsttherapeut gibt mir keine neue Information. Stattdessen erwähnt mein Stationsarzt die Karte während der nächsten Gruppe: „Sehr schön. Wie eine Postkarte. Man könnte sich vorstellen, mehrere davon erstellen zu lassen und sie zu verteilen. Ich habe sie gestern in der Therapeutenrunde gesehen."

   "Und wann findet das nächste 'Atelier' statt?"

   "Das kann Ihnen am besten der Therapeut selbst beantworten."

   Auf dem anschließenden Weg zum Mittagessen sehe ich, dass die Tür des alten Arbeitsraumes offensteht und mein Kunsttherapeut sich anschickt, zusammen mit seiner Vorgesetzten heraus auf den Flur zu treten. Ich warte in der Nähe, bis die beiden sich voneinander verabschiedet haben. Er sieht durch mich hindurch und wendet sich in Richtung Speisesaal. Ich rufe ihn an: "Ich möchte mit Ihnen sprechen!"

   "Ich habe jetzt keine Zeit für Sie. Sie waren gestern nicht da. Ich habe 33 Patienten, um die ich mich kümmern muss. Ich gehe jetzt zum Essen."

   "Ich möchte jetzt oder zu einem anderen Zeitpunkt mit Ihnen sprechen! Nicht ich, sondern SIE waren gestern nicht da. Raum 161 war leer und ist im übrigen ein Gruppenraum. Wann und wo findet der nächste Termin statt?"

   "Ich habe jetzt keine Zeit für Sie und gehe jetzt essen!"

   Mit diesen Worten wendet er sich ab und geht. Ich rufe ihm erbost hinterher: "Sie sitzen auf einem verdammt hohen Ross!"

   Am liebsten hätte ich wie ein Kind mit dem Fuß aufgestampft. In diesem Moment kommt mir mein Stationsarzt auf dem Rückweg vom Speisesaal entgegen. Er blickt vom Therapeuten zu mir, geht lächelnd vorbei.

   Ich muss mich abreagieren, meinen Ärger über das Desinteresse des Therapeuten loswerden. Es fällt mir zunehmend schwerer, sein Verhalten nicht als Absicht zu bezeichnen. Ich weigere mich noch immer, anzunehmen, dass es sich nicht um eine bloße Panne handelt. Bewegung wird mir helfen.

   Nach dem Essen gehe ich in den zweiten Stock zum von der Körpertherapeutin bezeichneten Schwesternzimmer, bitte dort um den Schlüssel zum Fahrradraum. Die Schwester bedauert: "Ich darf den Schlüssel nicht herausgeben."

   "Meine Therapeutin hat mich gestern angewiesen und gesagt, den Schlüssel bekäme ich hier!"

   "Ich darf den Schlüssel leider nicht herausgeben. Bitte wenden Sie sich an den Fahrradverwalter."

   Ich dränge den Gedanken zurück, dass auch diese Komplikation wieder bewußt herbeigeführt wurde.

   Das neben dem Schwesternzimmer liegende Büro des Mannes ist abgeschlossen. Ich möchte ihn nicht suchen. Ich möchte auch nicht nach der Therapeutin suchen, die sich mit ihren Gruppen in ständig wechselnden Räumen oder im Schwimmbad aufhält, und gehe eine halbe Stunde an der frischen Luft.

   Abends im Speisesaal spreche ich eine Patientin an, von der ich weiss, dass sie das Fahrrad seit längerer Zeit benutzt. "Wie kann ich den Fahrradverwalter finden? Ich brauche den Schlüssel zum Trainingsraum."

   Sie sagt freundlich: "Ich habe einen Schlüssel. Wenn Sie möchten, können wir uns absprechen und ihn während der Mahlzeiten weitergeben - ich bringe ihn morgen früh mit."

   Sie betritt am nächsten Tag den Speisesaal nach mir und geht direkt an ihren Tisch. Nach dem Frühstück gehe ich zu ihr hinüber. Sie lächelt mich irgendwie beschämt an: "Es tut mir sehr leid, aber ich darf Ihnen den Schlüssel nicht überlassen..."

   Noch 12 Tage bis zu meiner Abreise. Ich werde zu Hause Fahrrad fahren, an der frischen Luft und so oft ich will. Dieses Spiel, falls es ein Spiel ist, ist mir zu kindisch. Ich beschließe, mich nicht über den Vorfall zu ärgern und ihn als weitere Panne im Klinikgetriebe einzustufen.

   Der Stationsarzt lässt jedoch nicht locker, fragt am nächsten Morgen vor der Gruppe: "Sie waren nicht Fahrradfahren. Wird Ihnen etwas bewußt?"

   "Ja. Ein Organisationsmangel."

   "Ich formuliere die Frage noch einmal: Wird Ihnen etwas bewusst?"

   "Und ich wiederhole: ein Organisationsmangel. Zeitverschwendung. Vermutlich hat die Körpertherapeutin doch genug zu tun. Schade, dass sie trotzdem ihre Zeit mit sinnlosen Einweisungen vertrödelt."

   Heute ist zusätzlich ein Psychologie-Student im 7. Semester als Gast anwesend, sieht interessiert abwechselnd uns beide an.

   Der Stationsarzt wird lauter: "Wird Ihnen etwas BEWUSST??? Sie erscheinen laufend nicht zu Terminen und rechtfertigen sich anschließend!"

   Ich höre an seiner steigenden Tonlage, daß er die Kontrolle über die Situation verliert.

   Ich habe mich gemäß seiner Empfehlung während des letzten Einzelgespräches, Misserfolge zu akzeptieren und nochmals in Ruhe zu versuchen, mein Ziel zu erreichen, ausreichend bemüht, und bleibe völlig ruhig: "Ich rechtfertige mich nicht. Ich stelle lediglich Sachverhalte klar."

   Er ruft ärgerlich aus: "Jetzt weichen Sie auf die Sachebene aus! Sie müssen sich doch fragen, weshalb es immer wieder zu solchen angeblich nicht von Ihnen verschuldeten Pannen kommt! Und das -zigmal!"

   "Sie übertreiben. Von -zigmal kann überhaupt keine Rede sein. Es handelte sich um Vergesslichkeiten, vielleicht auch Organisationsmängel und Doppelvergabe von Terminen. Organisationsmängel eben. Ich möchte mich nicht dazu versteigen, Absicht zu unterstellen."

   ... und dann als unter Verfolgungswahn leidend eingestuft zu werden, beende ich den Satz im Stillen.

   "Sie sind mit nichts zufrieden! Mit Ihrem Arbeitsplatz sind Sie nicht zufrieden, und jetzt ist hier auch alles Mist! Und über ihren Vater wollen Sie auch nicht reden!"

   "Die Gründe für meine Unzufriedenheit mit meinem Arbeitsplatz kennen Sie. Sie wissen aber auch, daß ich mich grundsätzlich äußerst wohl hier im Haus fühle und über die Verlängerung sehr froh bin.

   Außerdem ist es nicht so, dass ich nicht über meinen Vater reden will. Sie fragten mich einmal nach unserer Beziehung. Danach wurde nicht mehr über dieses Thema gesprochen. Allerdings denke ich darüber nach."

   Ich bin völlig gelassen, ruhig genug, um mich während des Sprechens bereits gegen neue Wortverdrehungen zu wappnen. Aber Jaqueline rastet aus: "Das darf doch nicht wahr sein! Wie kann ein Arzt eine solch läppische Sache wie einen Schlüssel zum Aufhänger nehmen, um sich fast eine halbe Stunde lang an diesem Thema aufzugeilen! Das ist doch nicht normal! Hören Sie endlich auf, auf dieser Frau herumzuhacken! Lassen Sie sie endlich in Ruhe! Wenn Sie ihr helfen wollen, sorgen Sie doch einfach in einem Gespräch mit Ihren Kollegen dafür, dass sie dort sind, wo sie sein sollten, und dass der Schlüssel an Frau König ausgegeben wird! Fangen Sie endlich ein anderes Thema an!"

   Er sieht sie unbewegt einige Zeit an: "Weshalb ereifern Sie sich so?"

   „Ich habe Ihnen eben meine Gründe genannt, und ich werde sie nicht noch einmal wiederholen!"

   "Was ist der Grund für Ihre Erregung?"

   "Ich habe gesagt, ich wiederhole mich nicht! Hören Sie auf, ständig auf Frau König herumzuhacken! Das ist doch abartig! ABARTIG!"

   Innerlich erheitert mich Jaquelines Ausbruch, ich murmele aber beschwichtigende Worte: „Jaqueline, bitte sei still - ich komme allein klar."

   Einige Mitpatienten sagten mir später außerhalb der Gruppe, dass sie seinen Umgang mit mir ebenfalls als Angriffe empfänden. Auf einige andere kann er sich jedoch verlassen. Es sind die Schweigsamen der Runde. Sie sprechen selten oder nie vor anderen über ihre eigenen Probleme, fühlen sich aber jederzeit zu Stellungnahmen andere betreffend berufen. Auch jetzt.

   Der Stationsarzt fragt Elvira nach ihrer Meinung zu den Terminpannen. Sie sagt sanft: "Wenn ein Termin nicht klappt, dann muss man sich so lange bemühen, bis alles klar ist. Es muss doch dein Interesse sein, an den Verordnungen teilzunehmen."

   Welch ein Unterschied zu Jaqueline: Noch immer blitzen ihre Augen leidenschaftlich den Stationsarzt an: "Jetzt hören Sie doch endlich auf, diese Kinkerlitzchen weiter aufzubauen!"

   Der Student folgt aufmerksam den Gesprächen. Unsere Blicke treffen sich, und wir lächeln uns verhalten an. Was mag in ihm vorgehen? Ich fühle mich völlig entspannt und beginne, die Situation zu genießen. Der Stationsarzt erklärt noch einmal, dass mein Verhalten falsch ist, dass es mir an Geduld mangelt, und dass ich zu schnell aufbrause. Immer wieder fragt er: "Erkennen Sie, was Sie mit der Gruppe machen? Erkennen Sie Ihr Verhalten?"

   Ulrich versucht, das Thema zu ändern: "Dies ist doch eine Gesprächsgruppe und kein Einzelgespräch. Können wir nicht über etwas anderes reden?"

   Der Stationsarzt hat sich in mich verbissen: "Ich habe dieses Thema absichtlich so ausführlich besprochen, um Frau König ihr Fehlverhalten deutlich zu machen."

   Er wendet sich an mich, fragt wieder: "Sehen Sie, was Sie wieder mit der Gruppe machen?"

   Noch 8 Tage bis zur Abreise. Ich will Ruhe und einen friedlichen Abschluss, gebe ihm keine Antwort. Er wiederholt seine Frage. Ich ignoriere sie freundlich lächelnd und habe das vage Gefühl, als ob sich die Situation zu Beginn meines Aufenthaltes ins Gegenteil verkehrt hat und jetzt er das dringende Bedürfnis nach meiner Aufmerksamkeit fühlt. Die Zeit ist um, und die übrigen Teilnehmer der Runde werden unruhig, sehen zur Uhr. Der Arzt erklärt die Therapiestunde für beendet. „Sie können sich aber gerne noch weiter mit Frau König unterhalten."

   Er geht als Erster hinaus, und ich folge ihm. Auf dem Flur bleibt er stehen: „Erkennen Sie, was Sie mit der Gruppe machen? Sie agitieren!"

   „Das ist nicht wahr! SIE bringen diesen Konflikt in die Gruppe!"

   „SIE agitieren!"

   Wir sehen uns einen Augenblick wortlos an, und ich kämpfe meinen Impuls nieder, ihn selbst der Agitation zu bezichtigen, drehe mich weg und gehe zum Essen.

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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